aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Der Begriff Fundamentalismus bezeichnet eine religiöse oder weltanschauliche Strömung, deren Ziel eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der Religion oder Ideologie ist.
| Inhaltsverzeichnis |
Während es unbestreitbar unter diesen Gruppentypen Überschneidungen gibt, lassen sie sich nicht prinzipiell gleichsetzen. Fundamentalisten sind dadurch charakterisiert, dass sie kompromisslos auf den ursprünglichen Grundlagen (oder dem, was sie darunter verstehen) ihrer Religion oder Partei bestehen und darüber keine Diskussion zulassen.
Konservative oder orthodoxe Richtungen von Religionen oder Ideologien dagegen stehen gegenwärtigen Entwicklungen kritisch oder ablehnend gegenüber, nehmen dabei aber eine moderate oder differenzierte Haltung ein; ein wesentlicher Unterschied zum Fundamentalismus ist die Bereitschaft zu Dialog und Zusammenarbeit. Konservative und Orthodoxe wollen auch eher die real existierenden Traditionen ihrer unmittelbaren Vorfahren fortsetzen, während Fundamentalisten zu einem angenommenen "Urzustand" längst vergangener Zeiten zurückkehren wollen.
Das wesentliche Charakteristikum totalitärer religiöser Gruppen ist eine vollständige Einbindung der Mitglieder bezüglich aller Lebensbereiche, die nicht einmal für kritische Gedanken Freiraum gibt - solche Gruppen können theologisch Fundamentalisten sein, aber sie kommen ebenso unter neuen religiösen Bewegungen vor.
Terroristische Gruppen üben Gewalt undifferenziert gegen Unbeteiligte aus, um ihre, gewöhnlich politischen, Ziele zu erreichen. Die Motivation kann ganz oder teilweise aus einer religiösen oder ideologischen Überzeugung stammen; diese ist aber nicht notwendigerweise fundamentalistisch.
Es wird insbesondere dem religiösen Fundamentalismus manchmal der Vorwurf gemacht, auf dem Boden einer rückwärts gewandten Weltsicht intolerante Missionierungsabsichten zu hegen.
Die fundamentalistische Weltanschauung ist in der Regel durch ein dualistisches Konzept des Niedergangs, nach dem die Anhänger des Wahren und Guten im Kampf gegen die Schlechten, anders Denkenden und anders Gläubigen begriffen sind, geprägt. Dem könne in der Konsequenz nur mit der Errichtung einer Theokratie entgegengewirkt werden. Fundamentalistische Bewegungen existieren in allen großen Weltreligionen, wenn auch die genaue Einordnung einer Bewegung als fundamentalistisch oft problematisch ist. Charakteristisch für den Fundamentalismus sind die unkritische Rezeption heiliger Texte und die Ablehnung kritischer, wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit religiösen Texten (siehe Verbalinspiration).
Religionssoziologisch bilden die Fundamentalisten eine kleinere Gruppe innerhalb einer großen Religion, die sich von der Mehrheit absetzt, weil diese die grundlegenden Prinzipien der Religion verraten habe. Versteht man Fundamentalismus als eine Bewegung zurück zu den Quellen der Religion, so waren die Reformatoren in vergröberter Sicht ebenfalls eine Art Fundamentalisten.
Parallel dazu entwickelten sich auch in der Basis der Bewegungen, die innerhalb ihrer jeweiligen Konfession gegen die liberalen oder modernistischen Strömungen protestierten, da diese die Grundlagen des Christentums zugunsten von agnostischen Prinzipien verlassen hätten. Die "Liberalen" hätten eine säkulare, humanistische und skeptische Religion gegründet, basierend nicht mehr auf dem Christentum, sondern auf der zunehmend pluralistischen europäischen Kultur, die aus der Aufklärung entstanden sei.
In den 1920ern fusionierten die beiden ungleichen Bewegungen in der World's Christian Fundamentals Association auf der Basis von fünf Grundwahrheiten des Christentums:
Es entwickelte sich in den folgenden Jahren ein breites konservatives Netzwerk von Bibelschulen, Missionswerken, und Verlagshäusern. Diese Bewegung wurde als Fundamentalismus bezeichnet, umfasste aber neben den eigentlichen Fundamentalisten auch die wesentlich grössere Gruppe der Evangelikalen, die sich nach wachsenden Spannungen in den 1950er Jahren offiziell vom Fundamentalismus trennte.
Protestantische Fundamentalisten behaupten eine bibeltreue Theologie mit biblisch begründeter Wertordnung, Gottesdienstform und Kirchenorganisation, die - wie die spannungsreichen Konflikte in der Geschichte der Fundamentalisten zeigen - jedoch hinsichtlich des Bibelverständnisses, Wertefestlegungen, und kirchengeschichtlichen Entwicklungen stark voneinander abweichen können.
Vorgeworfen wird ihnen häufig die radikale Ablehnung aller christlichen Ausprägungen, die nicht der eigenen entsprechen, das Absolutsetzen der eigenen Position, und die Verweigerung jeden Dialogs.
Für die protestantischen Fundamentalisten ist die wörtliche Irrtumslosigkeit der Bibel nicht nur in religiösen, sondern auch in geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Belangen eine wesentliche und unverzichtbare Glaubensgrundlage - das unterscheidet ihre Bibelauslegung von der anderer konservativer Christen, die die Bibel zwar ebenfalls als Gottes Wort ansehen, aber moderne Methoden der Exegese nicht prinzipiell ablehnen.
Eine Gruppe von Fundamentalisten in den USA lehnt moderne Bibelübersetzungen entschieden ab; nicht nur wegen Unterschieden in der Übersetzung, sondern auch wegen des griechischen Urtextes, der auf der modernen Textkritik basiert: ihre "richtige" King James Bibel hat ihr Fundament im Textus Receptus der Reformationszeit. Im deutschen Sprachraum bevorzugen Fundamentalisten die als wortgetreu geltende Elberfelder Bibelübersetzung.
Christliche Fundamentalisten lehnen die Darwinsche Evolutionstheorie ab, da sie der Bibel widerspreche. In den USA erreichte diese Kreationismus-Debatte in den 1930er Jahren ihren Höhepunkt im so genannten Affenprozess, in dessen Folge die Lehre der Evolutionstheorie an den Schulen in einigen amerikanischen Staaten gesetzlich verboten wurde.
Die weltweite Organisation der protestantischen Fundamentalisten ist der International Council of Christian Churches (ICCC), gegründet 1948. Der Ökumenische Rat der Kirchen wird als liberal und linksgerichtet abgelehnt, und auch zur Evangelischen Allianz erfolgt eine Distanzierung. Im deutschen Sprachraum gibt es keine Kirchen oder Gemeinden, die Mitglied des ICCC sind.
Eine neuere Ausprägung des christlichen Fundamentalismus ist die amerikanische Religiöse Rechte. Diese sieht das wahre Christentum in einer Kombination fundamentalistischer Grundwahrheiten mit Kapitalismus, traditionellen Familienwerten, Waffenbesitz, Religionsfreiheit (verstanden als absolute Trennung von Kirche und Staat, s.a. Laizismus) und Amerika als dem Gelobten Land, und kämpft teilweise militant gegen Abtreibung, Homosexualität, und die politische Linke.
Katholische Fundamentalisten definieren die wahre christliche Kirche anders als die protestantischen Fundamentalisten und haben auch ein anderes Verhältnis zur Bibel. Das Ideal des katholischen Fundamentalismus ist eine Rückkehr zum 19. Jahrhundert, wo sich die Kirche noch als geschlossene Gruppe gegen moderne Irrtümer abgrenzte.
Gemeinsam sind katholischen und protestantischen Fundamentalisten die absolut gesetzten konservativen Werte bezüglich Familie und Moral. Die Evolution wird im katholischen Fundamentalismus im allgemeinen ebenfalls abgelehnt.
Beispiele für fundamentalistische katholische Strömungen sind Ultramontanismus und Integralismus innerhalb, Priesterbruderschaft St. Pius X. und Sedisvakantismus außerhalb der katholischen Kirche.
Sowohl im Glaubenssystem wie auch in den Handlungsanweisungen stellt er Abweichung von den wörtlich verstandenen Texten aus Koran und Hadit fest, und macht als ideen- und sozialkritische Bewegung für Unmoral, Korruption und andere politische Übel der islamischen Länder ihre "Verwestlichung" verantwortlich. Saiyid Qutb (1906 - 1966), einer der Vordenker der Muslimbruderschaft, propagierte romantisierend einen islamischen Staat als Garant sozialer Gerechtigkeit. Hierbei unterscheiden sich Fundamentalisten von "Konservativen" in der Verwerfung der historischen, bis an die Gegenwart gewachsenen islamischen Traditionen als "degeneriert".
Der islamische Fundamentalismus ist eine Reaktion auf den Identitätsverlust, den viele arabische Länder durch die Kolonisierung erlebten, und auf eine durch den Westen dominierte Globalisierung, die westliche Werte wie Individualismus oder Säkularismus absolut setze und traditionelle orientalische Werte, wie Gemeinschaftssinn und Familie, verdrängen wolle.
Im Islam bildeten sich fundamentalistische Bewegungen im engeren Sinne in den 1930er Jahren, gleichwohl hatte es in der Geschichte des Islam immer wieder radikale religiöse Bewegungen gegeben, so z.B. die Wahhabiten im 18. Jahrhundert, die später den heutigen Staat Saudi-Arabien prägten. Bis heute maßgeblich ist vor allem die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft (Al-Ikhwan al-muslimun). Die islamischen Fundamentalisten opponieren dem säkularen Staatsmodell und fordern die Einführung des islamischen Rechts, da in ihrem Verständnis die Einheit von Religion, Gesellschaft, Familie, und Staat integral zum Islam gehört.
Besonderen Zustrom findet der islamische Fundamentalismus durch die soziale Situation: durch die Landflucht gibt es in den Slums der Riesenstädte von Kairo und Gaza, Jakarta und Islamabad entwurzelte Massen, die beim Islamismus nicht nur einen geistigen Halt sondern auch soziale Hilfe finden. Islamistische Organisationen predigen nicht nur in den Moscheen, sie führen auch Spitäler und Schulen, die den Ärmsten offen stehen - ein wichtiger Faktor in Ländern mit hoher Analphabetenrate.
Fundamentalistische Gruppen des Islams sind nicht hierarchisch organisiert, sondern treten quer durch die islamische Welt verbreitet auf. Viele davon erhalten finanzielle Unterstützung vom Staat Saudi-Arabien.
In der Beziehung zum Staat Israel gibt es unter den ultra-orthodoxen Juden zwei diametral entgegengesetzte Sichtweisen:
Andererseits ist es aber auch nötig, die Kulturen des Islam, des Christentums und des Judentums zu respektieren, ihnen das Recht auf eine eigene Identität zuzugestehen, gerade dort, wo sie sich gegen Säkularismus, Relativismus, und Verfall moralischer Werte abgrenzen wollen. Wer differenziert, und mit den pragmatischen, gemäßigt konservativen Gruppen einen konstruktiven, auf Zusammenarbeit zielenden Dialog auf "gleicher Augenhöhe" führt, gräbt dem Fundamentalismus das Wasser ab.
Weiterhin muss nicht alles schlecht sein, was als im gängigen Sprachgebrauch schnell einmal als fundamentalistisch gebrandmarkt wird. Manche Entwicklungen innerhalb der anerkannten Gesellschaft, die der Fundamentalismus anprangert, können mit Recht hinterfragt werden, und nicht alle Werte, die Fundamentalisten vertreten sind allein deshalb schon negativ.
In vielen Fällen spricht der Fundamentalismus Probleme an, die tatsächlich existieren, zumindest für einen gewissen Personenkreis - und dort hat der Fundamentalismus dann ein Rekrutierungspotential. Schon von daher sollten Probleme, die Fundamentalisten aufgreifen, nicht einfach negiert sondern als Probleme ernst genommen und wo nötig aktiv angegangen werden.
Verwandte Themen: Tradition, Evangelikal, Konservativismus, Totalitäre religiöse Gruppe, Nationalismus, Universalismus
Von "http://de.wikipedia.org/wiki/Fundamentalismus"
Diese Seite wurde zuletzt geändert um 16:37, 8. Feb 2004. Der Artikel steht unter der GNU Freien Dokumentationslizenz, siehe auch Lizenzbestimmungen.