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Als Natur kann man all das bezeichnen, was nicht vom Menschen geschaffen wurde. Damit steht die Natur im Gegensatz zur Kultur.
Der Begriff Natur bezieht sich auf Objekte in der Natur, beispielsweise
Steine
Tiere
Pflanzen
Menschen
als auch auf Ereignisse der Natur wie
Wind
Regen
Erdbeben
Man unterscheidet zwischen
der belebten Natur (alle Lebewesen auf der Erde)
Pflanzen
Tiere
Pilze
Einzeller
Bakterien
und der restlichen unbelebten Natur
Weltraum
Unbelebtes auf der Erde
Die Naturwissenschaften beschäftigen sich mit der Natur.
Die Naturphilosophie beschäftigt sich mit dem Wesen der Dinge und wie der Mensch Erkenntnis darüber gewinnt.
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Regeln und Gesetze der belebten Natur:
Lebenskraft
Jedes Lebewesen will leben, hat eine Lebenskraft in sich. Diese Lebenskraft gründet sich auf seine Erbinformation, die sich in vielen Millionen Jahren als erfolgreich, als zum Überleben geeignet, herauskristallisiert hat. Hätte es diese Lebenskraft nicht, wäre das Lebewesen längst ausgestorben.
Diese Lebenskraft kann man ganz profan mit der Bewährtheit eines von vielen Anwendern schon lang benutzen Computerprogrammes vergleichen. Auch aus einem solchen Programm sind viele Anfangsfehler längst ausgebaut. Fehlendes wurde ergänzt und Überflüssiges verworfen.
Kampf ums Dasein
Jedes Lebewesen muss um sein Dasein kämpfen und versuchen, seine Intaktheit als lebender Organismus zu wahren. Dieser Kampf ist oft still und undramatisch, aber es ist doch ein Kampf, z.B. die Konkurrenz von Bäumen im Wald um das Licht der Sonne. Jedes Lebewesen hat im Prinzip das Recht zu leben. Nur wird dieses Recht von niemandem verliehen oder garantiert.
Sterblichkeit
Jedes Lebewesen, jede Art und das ganze Leben auf der Erde sind sterblich. Spätestens stirbt das Leben, wenn die Sonne sich zu einem roten Riesen aufbläht. Jedes Lebewesen kann vorzeitig meist durch äußere Einflüsse sterben oder es stirbt, wenn es biologisch seinen Fortpflanzungssinn erfüllt hat, wenn es altert und seine biologischen Systeme zunehmend versagen.
Endlichkeit des Lebensraumes
Jedes Lebewesen muss die Endlichkeit seines Lebensraumes und seiner Lebensgrundlagen akzeptieren. Die Erde, der geeignete Lebensraum, die Nahrung, das Wasser, die Energie sind begrenzt. Daraus folgt der Zwang zur Sparsamkeit mit Rohstoffen, mit Bodenschätzen und Lebensmitteln. Auch die Abfallproduktion ist begrenzt und es besteht ein Zwang zur Wiederverwertung. Was passiert, wenn Lebewesen Stoffe freisetzen oder die Umwelt so verändern, dass andere Lebewesen dadurch aussterben können ? Dafür gibt es schon einige Beispiele : Sauerstoffproduzenten haben die sauerstoffempfindlichen Bakterien in Nischen verdrängt. Auch Korallenriffe und Sedimente aus Kalk sind im Prinzip Abfallberge. Die Natur hat erst die Erde für uns lebensfähig gemacht. Die Erde ist ideal für den Menschen eingerichtet. Eine Fluchtmöglichkeit des Menschen von der Erde weg in den Weltraum existiert nach heutigem Ermessen nicht. Also muss auch der Mensch die Endlichkeit seines Lebensraumes akzeptieren.
Abhängigkeit von anderen Lebewesen
Die meisten Lebewesen sind von anderen Lebewesen abhängig. Dabei gibt es verschiedene Grade der Abhängigkeit: Einige Bakterienarten können ohne andere Lebewesen existieren. Manche Pflanzen sind nicht oder nur in geringem Maße abhängig von anderen Lebewesen. Tiere sind oft stark abhängig von anderen Lebewesen, insbesondere von den Pflanzen.
Auch der Mensch braucht in starkem Maße die Natur zum Beispiel für den Sauerstoff, die Nahrung oder die Kleidung. Die Abhängigkeiten in der Natur sind manchmal nicht linear. Häufig liegen vernetzte und gegenseitige Abhängigkeiten vor.
Jedes Lebewesen ist zunächst einmal ein Einzelwesen. Es ist abgegrenzt gegen seine Umwelt. Trotzdem ist diese Abgrenzung nicht vollständig sondern nur teilweise, denn es findet ein ständiger Stoff-, Energie- und Informationsaustausch mit der Umgebung statt. Einzelwesen können sich aus einem gemeinsamen Vorteil heraus zu größeren Gemeinschaften biologischer oder sozialer Art zusammenschließen. Dabei muss das Einzelwesen manchmal auch einen großen Teil seiner individuellen Interessen zurückstellen oder wird derer beraubt.
Zwang zum Gleichgewicht
Jedes Lebewesen muss sich seiner Umgebung anpassen. Es muss sich der Neigung zum Gleichgewicht und der Stabilität der Natur unterwerfen. Versucht es, aus diesem Zwang zu entkommen, muss es ein neues Gleichgewicht mit der Natur anstreben. Tut es das nicht, so läuft es große Gefahr auszusterben. Je weiter sich ein Lebewesen von einem bisherigen Gleichgewicht entfernt hat, desto schwerer wird es, ein neues Gleichgewicht zu finden oder ein Ungleichgewicht aufrechtzuerhalten. Trotzdem sind auch in der Evolution neue Gleichgewichte entstanden. Das Gleichgewicht ist nicht statisch zu verstehen, sondern mehr oder weniger in ständiger Bewegung. Es wackelt durch die Zeit wie ein Radfahrer durch die Landschaft.
Ständige, aber relativ langsame Entwicklung
Die Entwicklung der Natur ist oft unumkehrbar und unvorhersehbar. Neue Formen werden an einem Ort erprobt. Wenn sie sich bewähren, breiten sich die neuen Formen schnell aus, falls nicht unüberwindliche Grenzen sie hindern. Relikte oder neue Formen bleiben aber manchmal auch örtlich begrenzt bestehen.
Unzweckmäßiges Verhalten findet in der Natur irgendwann sein Ende.
Zweckmäßig in diesem Sinne ist alles, was der Fortpflanzung des eigenen Erbgutes dienlich ist.
Gut und Böse
Im Verhalten von Tieren sind Egoismus, Altruismus, Gut und Böse, Mord und Totschlag zu finden. Alle Beispiele sind verwirklicht, häufig sogar in ein und demselben Lebewesen. Die Natur ist im menschlich moralischen Sinne nicht allzu anspruchsvoll. Gut und Böse im menschlichen Sinne als fürsorgend-nächstenliebend bzw als aggressiv- egoistisch sind als emotionale Verhaltenseigenschaften in Tieren immer gleichzeitig mehr oder minder stark verwirklicht. Sonst gibt es kein Gut oder Böse in der Natur, sondern nur besser oder weniger gut angepasst. Die Auffassung, dass nur der Mensch zu Mord und Totschlag an eigenen Artgenossen fähig ist, ist falsch.
Ende des Lebens
Das Leben auf der Erde können die Menschen nicht völlig auslöschen, auch wenn sie ihm großen Schaden zufügen können. Irgendwann geht das Leben auf der Erde sowieso zu Ende. Das Leben, das sicher anderswo im Weltraum existiert, kann durch die Menschen nicht beeinflusst werden.
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Wie kann man ein emotionales Verhätnis zur Natur entwickeln, ohne in eine naive Naturromantik abzugleiten.
Die Natur ist die entscheidende Lebensgrundlage für uns Menschen. Wenn wir zum Himmel schauen, dann sehen wir die Sterne, den Mond, die Sonne und die Planeten. Sie folgen auf ihrer Bahn durch den Weltraum relativ einfachen Gesetzen, die völlig ohne unser Zutun ablaufen. Diese Gesetze zeigen uns die Gleichförmigkeit und Unabänderlichkeit in manchen Bereichen der Natur. Wenn wir die große Vielfalt der Lebewesen auf dieser Erde anschauen, so lehrt sie uns den Reichtum der Formen und Überlebensstrategien, die Kompliziertheit, die Abhängigkeit und die Anpassungsfähigkeit. Die Natur macht sich das Zufallsprinzip zunutze, um eine große Vielfalt von Formen zu entwickeln und daraus dann geeignete auszuwählen, d.h. die Natur war und ist auch heute noch schöpferisch tätig. Die Natur hat schon einen wichtigen Beitrag zur Frage nach der Sinnbewertung unseres Tuns gegeben, denn die Selektion von besser an die Umwelt angepassten Lebensformen ist ja auch eine Art Sinnbewertung. Vieles menschliche Tun muss sich dem Überlebensprinzip unterwerfen und erhält dadurch einen für jeden verstehbaren Sinn. Die Natur zeigt uns viele Tricks und Möglichkeiten zum Überleben auch in einer lebensfeindlichen Umgebung auf. Sie ist also unsere große Lehrmeisterin, von der es noch sehr viel zu lernen gilt. Hat man wieder einen ihrer Tricks erkannt und eventuell für den Menschen nutzbar gemacht, so belohnt sie uns mit einem Hochgefühl, an ihrem Wissenschatz teilzuhaben. Die Natur hat schon vor dem Menschen die Sprache erfunden, wie sie beispielsweise im genetischen Code verwirklicht ist. Sie hat die Gesetze der Informationstheorie berücksichtigt, denn sie hat beispielsweise durch Redundanz und Fehlerkorrektur die Speicherung und Übertragung von Informationen sicher und steuerbar gemacht. Bei all dem muss man sich der Natur weder überlegen noch unterlegen vorkommen. Man braucht sich nicht ständig wie von einem großen Bruder beobachtet fühlen, denn die Natur hat keine eigene Persönlichkeit und kein eigenes Bewußtsein. Dennoch kann man zu Natur ein gefühlsbetontes Verhältnis entwicklen, ohne in die Naivität abzugleiten und sie als Gottersatz anzubeten. Diese Gefühle zur Natur können sehr heiter und fröhlich sein. Leider werden sie aber heute häufig durch eine Traurigkeit belastet, die aus der Einsicht der unnötigen Zerstörung von Teilen der Natur durch uns Menschen herrührt.
Obiger Text stammt von Benutzer:rho und ist frei im Sinne von gnu
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Die edle Einfalt in den Werken der Natur hat nur gar zu oft ihren Grund in der edlen Kurzsichtigkeit dessen, der sie beobachtet. Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)
"In der Natur geht alles mit rechten Dingen zu. Bei ungelösten Fragen der Natur ist es bislang immer erfolgreicher gewesen, nach einer natürlichen Erklärung zu suchen und auf übernatürliche Erklärungen zu verzichten."
Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
Und haben sich , eh' man es denkt, gefunden;
Der Widerwille ist auch mit verschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.
Es Gilt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst in abgemessnen Stunden
Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden
Mag frei Natur im Herzen wieder glühen
J.W.v.Goethe
Von "http://de.wikipedia.org/wiki/Natur"
Natur
"Alles, was gegen die Natur ist, hat auf die Dauer keinen Bestand." - Charles Darwin
"Das Buch der Natur ist mit mathematischen Symbolen geschrieben." - Galileo Galilei
"Denn indem ein Mensch mit den ihm von der Natur gegebenen Gaben sich zu verwirklichen sucht, tut er das Höchste und einzig Sinnvolle, was er kann." - Hermann Hesse
"Der Mensch - ein Exempel der beispiellosen Geduld der Natur." - Christian Morgenstern
"Der Natur liegt bloß unser Dasein, nicht unser Wohlsein am Herzen." - Arthur Schopenhauer
"Der wirksamste Schutz der Natur ist die Hinfälligkeit des Menschen, seiner Werke und seiner Handlungen, deren Auswirkungen ihn früher oder später selbst vernichten müssen, weil ein Großteil seiner heutigen Handlungen allem Natursinn entgegengerichtet ist." - Viktor Schauberger
"Die Konsequenz der Natur tröstet schön über die Inkonsequenz der Menschen." - Johann Wolfgang von Goethe, Brief an Karl Ludwig von Knebel, 2. April 1785
"Die Mathematik ist das, womit die Menschen die Natur und sich selbst steuern." - Andrej Kolmogorow
"Die Natur – durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos." - Johann Wolfgang von Goethe
"Die Natur kapieren und kopieren." - Viktor Schauberger
"Die Natur verbirgt ihr Geheimnis durch die Erhabenheit ihres Wesens, aber nicht durch List." - Albert Einstein
"Die Natur weicht der Hacke, aber sie kehrt zurück." - Horaz
"Die Natur widersetzt sich allem Übermaß." - Hippokrates
"Es geht nichts über die Freude, die uns das Studium der Natur gewährt. Ihre Geheimnisse sind von unergründlicher Tiefe, aber es ist uns Menschen erlaubt und gegeben, immer weitere Eingriffe hinein zu tun. Und gerade, daß sie am Ende doch unergründlich bleibt, hat für uns einen ewigen Reiz, immer wieder zu ihr heranzugehen und immer wieder neue Einblicke und neue Entdeckungen zu versuchen." - Johann Wolfgang von Goethe
"Ich sehe die Natur als etwas Leidenschaftliches, Stürmisches, Unheimliches und Dramatisches an wie mein eigenes Ich." - Pablo Picasso
"Im christlich-abendländischen Denken besitzt die Natur nur dann einen Wert, wenn sie in irgendeiner Weise genutzt werden kann." - Autor unbekannt
"Jedes Naturgesetz, das sich dem Beobachter offenbart, läßt auf ein höheres, noch unerkanntes schließen." - Alexander von Humboldt
"Man kann nicht gegen die Natur angehen. Sie ist stärker als der stärkste Mann. Es liegt nur in unserem eigensten Interesse, wenn wir uns gut mit ihr stellen." - Pablo Picasso
"Nichts in der Natur ergibt Sinn, außer im Lichte der Evolution." - Charles Darwin
"Wir dürfen keine Scheu davor haben, etwas zu erfinden, was es auch sei. Alles, was in uns existiert, ist Natur. Schließlich sind wir ein Teil der Natur." - Pablo Picasso
"Wir können die Natur nur dadurch beherrschen, daß wir uns ihren Gesetzen unterwerfen." - Francis Bacon
"Wir sehen in der Natur nicht Wörter, sondern immer nur Anfangsbuchstaben von Wörtern, und wenn wir alsdann lesen wollen, so finden wir, daß die neuen sogenannten Wörter wiederum bloß Anfangsbuchstaben von andern sind." - Georg Christoph Lichtenberg, "Sudelbücher, Heft J", 1346
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Fragment über die Natur Johann W.v.Goethe
Natur ! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen - unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Ztanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen.
Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist, war noch nie, was war, kommt nicht wieder - alles ist neu, und doch immer das Alte.
Wir leben mitten in ihr und sind ihr fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie.
Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht sich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich.
Sie lebt in lauter Kindern, und die Mutter, wo ist sie? - Sie ist die einzige Künstlerin: aus dem simpelsten Stoff zu den größten Kontrasten; ohne Schein der Anstrengung zu der größten Vollendung - zur genausten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem überzogen . Jedes ihrer Werke hat ein eigenes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten Begriff, und doch macht alles eins aus.
Sie spielt ein Schauspiel: ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht, und doch spielt sie's für uns, die wir in der Ecke stehen.
Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig, und ist kein Moment Stillestehen in ihr. Für's Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie ans Stillestehen gehängt. Sie ist fest. Ihr Tritt ist gemessen, ihre Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar.
Gedacht hat sie und sinnt beständig; aber nicht als ein Mensch, sondern als Natur. Sie hat sich einen eigenen allumfassenden Sinn vorbehalten, den ihr niemand abmerken kann.
Die Menschen sind alle in ihr und sie in allen. Mit allen treibt sie ein freundliches Spiel und freut sich, je mehr man ihr abgewinnt. Sie treibt's mit vielen so im Verborgenen, daß sie's zu Ende spielt, ehe sie's merken.
Auch das Unnatürlichste ist Natur, auch die plumpste Philisterei hat etwas von ihrem Genie. Wer sie nicht allenthalben sieht, sieht sie nirgendwo recht.
Sie liebt sich selber und haftet ewig mit Augen und Herzen ohne Zahl an sich selbst. Sie hat sich auseinandergesetzt, um sich selbst zu genießen. Immer läßt sie neue Genießer erwachsen, unersättlich sich mitzuteilen.
Sie freut sich an der Illusion. Wer diese in sich und andern zerstört, den straft sie als der strengste Tyrann. Wer ihr zutraulich folgt, den drückt sie wie ein Kind an ihr Herz.
Ihre Kinder sind ohne Zahl. Keinem ist sie überall karg, aber sie hat Lieblinge, an die sie viel verschwendet und denen sie viel aufopfert. Ans Große hat sie ihren Schutz geknüpft.
Sie hat wenige Triebfedern, aber, nie abgenutzte, immer wirksam, immer mannigfaltig.
Sie spritzt ihre Geschöpfe aus dem Nichts hervor und sagt ihnen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie sollen nur laufen; die Bahn kennt sie.
Ihr Schauspiel ist immer neu, weil sie immer neue Zuschauer schafft. Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.
Sie hüllt den Menschen in Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum Lichte. Sie macht ihn abhängig zur Erde, träg und schwer, und schüttelt ihn immer wieder auf.
Sie gibt Bedürfnisse, weil sie Bewegung liebt. Wunder, daß sie alle diese Bewegung mit so wenigem erreicht. Jedes Bedürfnis ist Wohltat; schnell befriedigt, schnell wieder erwachsend. Gibt sie eins mehr, so ist's ein neuer Quell der Lust; aber sie kommt bald ins Gleichgewicht.
Sie setzt alle Augenblicke zum längsten Lauf an, und ist alle Augenblicke am Ziele.
Sie ist die Eitelkeit selbst, aber nicht für uns, denen sie sich zur größten Wichtigkeit gemacht hat.
Sie läßt jedes Kind an sich künsteln, jeden Toren über sich richten, Tausende stumpf über sich hingehen und nichts sehen, und hat an allen ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung.
Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will.
Sie macht alles, was sie gibt, zur Wohltat, denn sie macht es erst unentbehrlich. Sie säumet, daß man sie verlange; sie eilet, daß man sie nicht satt werde.
Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und spricht.
Ihre Krone ist die Liebe. Nur durch sie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte zwischen allen Wesen, und alles will sich verschlingen. Sie hat alles isoliert, um alles zusammenzuziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos.
Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, erfreut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich und schrecklich, kraftlos und allgewaltig. Alles ist immer da in ihr. Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit. Sie ist gütig. Ich preise sie mit allen ihren Werken. Sie ist weise und still. Man reißt ihr keine Erklärung vom Leibe, trutzt ihr kein Geschenk ab, das sie nicht freiwillig gibt. Sie ist listig, aber zu gutem Ziele, und am besten ist's, ihre List nicht zu merken.
Sie ist ganz, und doch immer unvollendet. So wie sie's treibt, kann sie's immer treiben.
Jedem erscheint sie in einer eignen Gestalt. Sie verbirgt sich in tausend Namen und Termen, und ist immer dieselbe.
Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten. Sie wird ihr Werk nicht hassen. Ich sprach nicht von ihr. Nein, was wahr ist und was falsch ist, alles hat sie gesprochen. Alles ist ihre Schuld, alles ihr Verdienst.
Von J.W.von Goethe geschrieben circa 1780 , veröffentlicht 1781 im Journal oder Tagebuch von Tiefurt
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ERLÄUTERUNG ZU DEM APHORISTISCHEN AUFSATZ DIE NATUR
(Goethe an den Kanzler v. Müller]
Jener Aufsatz ist mit vor kurzem aus der brieflichen Verlassenschaft der ewig verehrten Herzogin Anna Amalia mitgeteilt worden; er ist von einer wohlbekannten Hand geschrieben, deren ich mich in den Achtziger Jahren in meinen Geschäften zu bedienen pflegte.
Daß ich diese Betrachtungen verfaßt, kann ich mich faktisch zwar nicht erinnern, allein sie stimmen mit den Vorstellungen wohl überein, zu denen sich mein Geist damals ausgebildet hatte. Ich möchte die Stufe damaliger Einsicht einen Komparativ nennen, der seine Richtung gegen einen noch nicht erreichten Superlativ zu äußern gedrängt ist. Man sieht die Neigung zu einer Art von Pantheismus, indem den Welterscheinungen ein unerforschliches, unbedingtes, humoristisches, sich selbst widersprechendes Wesen zum Grunde gedacht ist, und mag als Spiel, dem es bitterer Ernst ist, gar wohl gelten.
Die Erfüllung aber, die ihm fehlt, ist die Anschauung der zwei großen Triebräder aller Natur: der Begriff von Polarität und von Steigerung, jene der Materie, insofern wir sie materiell, diese ihr dagegen, insofern wir sie geistig denken, angehörig; jene ist in immerwährendem Anziehen und Abstoßen, diese in immerstrebendem Aufsteigen. Weil aber die Materie nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie existiert und wirksam sein kann, so vermag auch die Materie sich zu steigern, so wie sich's der Geist nicht nehmen läßt, anzuziehen und abzustoßen; wie derjenige nur allein zu denken vermag, der genugsam getrennt hat, um zu verbinden, genugsam verbunden hat, um wieder trennen zu mögen.
In jenen Jahren, wohin gedachter Aufsatz fallen möchte, war ich hauptsächlich mit vergleichender Anatomie beschäftigt und gab mir 1786 unsägliche Mühe, bei anderen an meiner Überzeugung: dem Menschen dürfe der Zwischenknochen nicht abgesprochen werden, Teilnahme zu erregen. Die Wichtigkeit dieser Behauptung wollten selbst sehr gute Köpfe nicht einsehen, die Richtigkeit leugneten die besten Beobachter, und ich mußte, wie in so vielen andern Dingen, im stillen meinen Weg für mich fortgehen.
Die Versatilität der Natur im Pflanzenreiche verfolgte ich unablässig, und es glückte mir Anno 1788 in Sizilien die Metamorphose der Pflanzen, so im Anschauen wie im Begriff, zu gewinnen. Die Metamorphose des Tierreichs lag nahe dran, und im Jahre 1790 offenbarte sich mir in Venedig der Ursprung des Schädels aus Wirbelknochen; ich verfolgte nun eifriger die Konstruktion des Typus, diktierte das Schema im Jahre 1795 an Max Jacobi in Jena und hatte bald die Freude, von deutschen Naturforschern mich in diesem Fache abgelöst zu sehen.
Vergegenwärtigt man sich die hohe Ausführung, durch welche die sämtlichen Naturerscheinungen nach und nach vor dem menschlichen Geiste verkettet worden, und liest alsdann obigen Aufsatz, von dem wir ausgingen, nochmals mit Bedacht, so wird man nicht ohne Lächeln jenen Komparativ, wie ich ihn nannte, mit dem Superlativ, mit dem hier abgeschlossen wird, vergleichen und eines fünfzigjährigen Fortschreitens sich erfreuen.
Weimar, 24. Mai 1828
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Wortsammlung Natur http://wortschatz.uni-leipzig.de/
Wort: Natur
Anzahl: 37150
Häufigkeitsklasse: 9 (d.h. der ist ca. 2^9 mal häufiger als das gesuchte Wort)
Sachgebiet:
Natur Naturwissenschaften allgemein
Metaphysik
Literarische Motive Stoffe Gestalten
Dogmatik
Landschaftsformen
Grammatikangaben:
Wortart: Substantiv
Geschlecht: weiblich
Flexion: die Natur, der Natur, der Natur, die Natur
die Naturen, der Naturen, den Naturen, die Naturen
Pragmatikangaben:
etym: lat.
Relationen zu anderen Wörtern:
Synonyme: Charakter, Eigenart, Gemütsart, Individualität, Naturell, Naturreich, Physis, Sinn, Umwelt, Veranlagung, Wesen, Wesensart
ist Synonym von: Charakter, Grüne, Individualität, Naturell, Physis, Sinn, Wesensart
wird referenziert von: All, Anlage, Art, Charakter, Schöpfung, Welt, Wesen
Links zu anderen Wörtern:
falls positiv bewertet Hauptnatur
falls negativ bewertet Pseudonatur
Grundform: Natur
ist ein(e) Schöpfung
-lich-Form von: naturlich, Naturlich
Teilwort von: in der Natur, von Natur aus, Mutter Natur, gegen die Natur, liegt in der Natur der Sache, im Einklang mit der Natur, ihrer Natur nach, Natur der Sache, Kräfte der Natur, wider die Natur, zweite Natur, Laune der Natur, Faszination Natur, Schönheiten der Natur, das liegt in der Natur der Sache, eine Laune der Natur, Gabe der Natur, weibliche Natur, gute Natur, am Busen der Natur, liegt in der Natur des Menschen, in Gottes freier Natur, es liegt in der Natur der Sache, nach den Gesetzen der Natur, liegt in der Natur der Dinge, ist wider die Natur, bescheidene Natur, Gottes freie Natur, es liegt in der Natur der Dinge, gegen die Natur gehen, eine heitere Natur, eine Art zweiter Natur, kühle Natur, Freigebigkeit der Natur, ist gegen die Natur, von gleicher Natur, zur Natur zurückkehren, hat eine gute Natur, von der Natur stiefmütterlich bedacht, von Natur und Mensch erschaffene Schönheit, leicht erregbare Natur, hohe See Gottes freie Natur, einem Ruf der Natur folgen, Haus der Natur, von der Natur stiefmütterlich behandelt, eine barmherzige Natur, fröhlich von Natur, von der Natur karg bedacht, ein von Natur aus talentierter Junge, hohe See Natur, es ist ihm zur zweiten Natur geworden
Form(en): Natur
Unterbegriffe: Signatur, Frohnatur, Kämpfernatur, Euronatur, Menschennatur, Rechtsnatur, Unnatur, Spielernatur, Doppelnatur, Künstlernatur, Wellennatur, Kraftnatur, Restnatur, Urnatur, Triebnatur, Bergnatur, Mensch-Natur, Führernatur, Bärennatur, Senatur, Alpennatur, Kunstnatur, Wolfsnatur, Originalsignatur, Landesnatur, Quantennatur, WohnNatur, Frauennatur, Verbrechernatur, Herrennatur, Katzennatur, Waldnatur, Abenteurernatur, Infrarotsignatur, Übernatur, Körpernatur, Industrienatur, Künstlersignatur, Affennatur, Sammlernatur, Sklavennatur, Gebirgsnatur, Pferdenatur, Lichtnatur, Männernatur, Kampfnatur, Gottnatur, Maschinennatur, Hundenatur, Kunst-Natur, Y-Signatur
zum Komplex gehörige Teile: Naturschutz, Nature, Naturwissenschaften, Naturschützer, Naturschutzgebiet, Naturwissenschaftler, Naturkatastrophen, Naturwissenschaft, Naturschutzbund, Naturpark, Naturell, Naturfreunde, Naturschützern, Naturschutzbehörde, Naturen, Naturforscher, Naturalismus, Naturschutzverbände, Naturkatastrophe, Naturschutzgebiete, Naturparks, Naturschutzes, Naturgewalten, Naturgemäß, Naturstein, Naturkunde, Naturheilkunde, Naturkundemuseum, Natural, Naturschutzgesetz, Naturgeschichte, Naturschauspiel, Naturereignis, Naturgesetze, Naturgesetz, Naturschutzgebieten, Naturschutzbundes, Naturheilverfahren, Naturalien, Naturwissenschaftlern, Naturschutzzentrum, Natural Born Killers, Naturschutzverbänden, Naturgewalt, Naturerlebnis, Naturmaterialien, Naturtalent, Naturliebhaber, Naturprodukt, Naturschutzstation, Naturkost
43/2003
leben in deutschland (3)
Wie man in Deutschland Natur erlebt
Wir lieben sie als Freizeitpark, beklagen ihre Gefährdung und opfern sie unseren Interessen. Unser Verhältnis zur Natur ist voller Widersprüche
Von Christiane Grefe
Eigentlich ist auch das alles Natur! In weitem Bogen lenken Bernd Heusingers Arme den Blick von der Backsteinfabrik über Autowerkstatt und Gascontainer bis zur befahrenen Straße vor dem Schlesischen Tor. Schließlich ist das einer der Lebensräume des Menschen, fährt er fort, wie er ihn seiner Natur gemäß gestaltet hat.
Doch in der Mittagspause verabredet sich auch der Kreuzberger Werbefachmann, der unter anderem die Grünen berät, lieber im gegenüberliegenden Café Freischwimmer. Am Ufer des Spreekanals ist das Gesichtsfeld gnädig zugewachsen von üppigem Grün; Enten und Schwäne ziehen ihre Bahnen. Der PR-Mann, dessen Agentur mit ihrem Namen Zum Goldenen Hirschen auf das glückliche Landleben anspielt, weiß sehr genau, dass die meisten Leute in ihrem verbauten Alltag mit Natur etwas ganz anderes verbinden als einen Großstadtdschungel, nämlich das Lebendige. Das Ideal. Die idyllische Gegenwelt.
Eine distanzierte Blässe der Farben, ein leicht ironischer Umgang sei allerdings heutzutage geboten, betont Heusinger, wenn High-Tech-Produkte wie Geländewagen oder Computer mit Wasserfällen oder Blumenwiesen lockten. Allzu glühende Sonnenuntergänge, allzu üppige Lieblichkeit schreckten entfremdete Städter mit Heuschnupfen eher ab. Aber eigentlich sehnen sich nach wie vor alle nach der Wildnis. Und noch mehr nach der sauberen, ungefährlichen, fehlerfrei schönen Natur.
Tatsächlich ist die Übereinstimmung bei kaum einer Sache vergleichbar groß. Alters- und weltanschauungsübergreifend meinen 91 Prozent der Bundesbürger, die landschaftliche Schönheit und Eigenart unserer Heimat solle erhalten und behütet werden. 89 Prozent meinen, das Lebensrecht von Pflanzen und Tieren sei zu achten; dieser Eigenwert der Natur ist jüngst im neuen Bundesnaturschutzgesetz erstmals verankert worden. Über 60 Prozent der Deutschen finden den Naturschutz wichtiger denn je, weitere 28 Prozent meinen, er habe im Großen und Ganzen Priorität. 4,4 Millionen Bürger sind Mitglieder in Umweltverbänden, fast 3,8 Millionen in Naturschutzorganisationen; und auch wenn diese Zahlen Doppelmitgliedschaften einschließen, sind das mehr als in den politischen Parteien.
Die seit den siebziger Jahren verbreiteten Ängste vor Verstrahlung und Vergiftung von Mensch und Tier allerdings sind verblasst, ebenso wie das daraus folgende breite Bekenntnis zum Schutz der Umwelt, ein Schlagwort, das damals aufkam; es bezeichnete die von der Gesellschaft geformte, stets als gefährdet angesehene Natur. Auch wenn immer noch 91 Prozent der Interviewten dem Umweltschutz hohe Bedeutung beimessen, fiel er laut Umweltbundesamt bei der Frage nach den wichtigsten Problemen mit 51 Prozent der Nennungen Ende der neunziger Jahre auf den achten Platz zurück.
Die Ernüchterung hat Gründe: Arbeit, Renten, Gesundheit gelten heute als brisantere Themen. Außerdem sind Luft und Flüsse nicht zuletzt dank der Umweltbewegung tatsächlich sauberer geworden. Selbst die Deutsche Post fühlt sich heute verpflichtet, vorzurechnen, dass ein 20-Gramm-Brief auf seinem Lkw-Transport von München nach Stuttgart exakt 18 Gramm CO2-Äquivalente emittiert. Insgesamt scheint das Thema in der grünen Partei, in Umweltämtern, -abteilungen und -audits institutionalisiert, professionalisiert.
Doch weil zugleich die selbst gesteckten Ziele zur Klimaverbesserung nicht erreicht oder weiterhin täglich rund 125 Hektar Fläche zubetoniert werden, verlagert sich das intensive Gefühl für die Umwelt von derart komplizierten Problemen entlastend auf das Einfache, Positive: Parallel zur sinkenden Sorge um die bedrohte Natur sei das Maß an Sensibilisierung für ihre existenzielle Bedeutung und Schönheit angestiegen, so das Umweltbundesamt. Natur hat Konjunktur.
Auf einer Tour durch den Bayerischen Wald mit dem Umweltkiller Nummer eins, dem Auto, erfährt man jedoch schnell, wie konfliktträchtig, vielfältig gebrochen, oft scheinheilig die große Einigkeit tatsächlich ist. Natürlich nicht unter den professionellen Naturfreunden wie Wolfgang Nerb, der zunächst unser Begleiter ist und beim Landesbund für Vogelschutz das Revier zwischen Oberpfalz und Niederbayern betreut. Von diesen meist ehrenamtlich passionierten, manchmal auch eigenbrötlerischen bis missionarischen Aktiven kann der bärtige Regensburger nur schwärmen, der selbst im Zivildienst vom Naturschutz angefixt wurde: wie sie ihren Urlaub opfern, um Tag und Nacht am Horst eines der fünf letzten Brutpaare des Wanderfalken der Gegend Schmiere zu stehen. Wie sie meilenweit laufen für den Anblick einer Kleinen Zangenlibelle.
Aber die Widersprüchlichkeit deutscher Naturliebe erlebt Nerb etwa mit manchen Eltern: Die bringen ihre Kinder schlechten Öko-Gewissens mit dem dicken BMW in unsere Jugendgruppen, und dann sollen die Kleinen bitte ein Naturabenteuer erleben. Aber wie versenkt man sich bis zum pünktlichen Abholen in ein Spiel am Fluss oder in das Mikroskopstudium eines Lavendelstrauchs? Solche Eltern gäben jeden Betrag aus, um den letzten Büschelohrmakaken in Madagaskar zu retten. Aber nicht für Wolf oder Luchs im Bayerischen Wald. Wildnis gilt nur in Sibirien oder Afrika, sagt Nerb, weil wir in der Ferne den Konflikt nicht austragen müssen.
Am Autofenster ziehen monotone Getreidefelder vorbei. Doch je weiter es nach Osten geht, desto mehr Abwechslung bieten Wiesen, Hecken, Haine; desto waldiger und hügeliger wird es und dann wieder weit und offen im Land der Donauzuflüsse. Deren Begradigung im Rahmen der Flurbereinigung solle nach den zahlreichen Jahrhunderthochwassern zwar vielerorts endlich rückgängig gemacht werden, erzählt Wolfgang Nerb. Aber: Statt dem Strich in der Landschaft Raum zu geben, damit er sein stabiles Bett selbst finden kann, werden den Gewässern oft aus Kostengründen mit dem Zirkel wieder unnatürliche Wege verpasst dann halt geregelte Mäander. Nirgendwo, bestätigt der Präsident des Deutschen Naturschutzrings Hubert Weinzierl, herrsche eben eine penetrantere Ordnung in Wäldern und Flüssen, werde die Gerade und die Sauberkeit so pervers zelebriert wie bei uns.
In den Dörfern rechts und links haben die Niederbayern teils eine prallbunte Blumen- und Obstbaumpracht, teils stramm stehende Koniferen in die Vorgärten gepflanzt. Über die leidenschaftlich gepflegte Natur zu Hause versprühten sie allerdings, sagt Wolfgang Nerb, mehr Gift als die Landwirte.
Wir passieren einen kleinen schimmernden See. An dessen Ufer hat der bayerische Arten- und Biotopschutzverband wie vielerorts ein Grundstück gekauft, um Lebensräume zu retten. In diesem Fall ein Biotop für Brachvögel und Kiebitze, die vor dem ausgreifenden Kiesabbau und der intensiven Landwirtschaft geschützt werden sollen. Auch Hunderte von Lachmöwen machen hier ihrem Namen alle Ehre. Das Concerto grosso veranlasste vor einiger Zeit die Nachbarn zu einem Erschießungsantrag beim Landratsamt. Überhaupt, das Gewehr scheint locker zu sitzen bei manchen hiesigen Trägern des deutschen Naturkonsenses: Angler schießen auf Kormorane, die ihnen die Fische wegfressen, Brieftaubenzüchter auf Wanderfalken, Jugendliche kürzlich aus Spaß auf einen seltenen Weißstorch. Und Jägern zuckt der Finger allein schon beim Gedanken an Wolf oder Luchs.
Bei einer alten Mühle nahe Cham steigen wir aus. Ein Umweltzentrum ist hier entstanden, vorbildhaft mit Solaranlage. Dahinter haben die Naturschützer ein Feuchtgebiet einfach verwildern lassen. Und seither tummeln sich, erzählt Wolfgang Nerbs Verbandskollege Heribert Mühlbauer, auf altehrwürdigem bayerischem Grund zwischen Binsen und Rohrglanzgras wieder Ameisenbläulinge und Kammmolche und allein 65 gefährdete Vogelarten, darunter Schilfrohrsänger, Schlagschwirl und Rohrdommeln das is was Herrlichs!, ruft Mühlbauer immer wieder.
Besuchern ob Schulklassen oder CSU-Stadtratsfraktionen will er all diese Spezies nahe bringen. Und vor allem Zusammenhänge in der Natur erklären. Denn bei aller Liebe: Die Leute wissen überhaupt nichts! Aufmerksam, irgendwie begeistert liefen sie durch das Gelände, aber sie sehen nichts. Übervorsichtig bewegten sich vor allem viele Kinder brav auf den vorgesehenen Pfaden. Rechts und links Natur und sie selbst als Fremdkörper in der Mitte, seien sie ständig in Sorge, zu stören. Und wenn Wolfgang Nerb eine wilde Knoblauchrauke rupft und in den Mund steckt, dann kreischen viele in heller Angst um sein alsbaldiges Ableben auf.
Die Beobachtungen decken sich mit bundesweiten Befragungen: Demnach konnte nur ein Drittel der Kinder und Jugendlichen fünf heimische Kräuter benennen, ein Siebtel fünf Zugvogelarten, gerade mal jedes achte Kind konnte das Bild eines Lindenblütenblattes zuordnen. Solche Unkenntnis paart sich mit Verklärung: Laut Studien des Marburger Natursoziologen Reiner Brämer verstehen die Jüngeren unter Natur etwas Menschenfremdes, das durch Berührung mit dem Menschen denaturiert wird. Sogar ihren eigenen Körper schlössen sie dabei von der Natur aus für Brämer eine höhere, verinnerlichte Stufe der Naturentfremdung.
Auch unter Erwachsenen stimmen 72 Prozent einer anderen Studie zufolge dem Satz zu, dass die Natur in Harmonie und Frieden wäre, ließe nur der Mensch sie in Ruhe. Diese sehr harmonische romantisierende Sichtweise, so das auftraggebende Umweltbundesamt, ist durchaus charakteristisch für die Deutschen. Sie sei hierzulande wesentlich weiter verbreitet als in anderen europäischen Ländern.
Schwärmen und Zerstören sind eins
Weil sie Geschichte hat. O Täler weit, o Höhen, o schöner grüner Wald, du meiner Lust und Wehen andächtger Aufenthalt: Romantische Dichter von Joseph von Eichendorff bis E.T.A. Hoffmann setzten im 19. Jahrhundert der aufkeimenden Industrialisierung eine stilisierte Natur entgegen. Stillend und seelenberuhigend, so Adalbert Stifter, war sie ihnen einerseits Fluchtpunkt; an der Brust der gewaltigen Natur (Gottfried Keller) fanden sie Trost angesichts rauchender Schlote und sich ausbreitender Manufakturen. Andererseits sahen sie, besonders in der Pracht und Feier des Waldes (Stifter), eine außerhalb ihrer selbst stehende, schicksalhafte Macht, die sich jeden Moment ins Unheimliche wenden konnte.
Gewiss stand dies auch für das Unbewusste und die Rebellion eines erstarkenden Subjekts; gewiss sind die Wirkungen der Romantik facettenreicher. Doch richtig ist auch, dass sie ihre geistige Fortschreibung als Ausdruck der deutschen Volksseele im Nationalismus und auch Nationalsozialismus fand. Inklusive deutscher Platzangst. In seiner Polemik Der Wald im Kopf entlarvte Hans Magnus Enzensberger zudem die kollektive Lebenslüge der Romantik: Für die vielfältige Rohstoffausschlachtung des Waldes und damit die reale Vernichtung ihrer mystifizierten Natur hatten deren Anbeter keinen Blick. Schwärmen und Zerstören waren schon damals eins.
Diese Doppelgesichtigkeit der entfremdeten Naturverehrung, glaubt Reiner Brämer, sei heute bei einer Mehrheit der Bürger zusätzlich überhöht in einer Art neuer Naturreligion: Ihrem Kult dienten der Wald als heiliger Hain und die Naturschutzgebiete als Sanktuarien, die man nur unter Einhaltung eines Katechismus asketischer Umweltgebote betreten dürfe.
Dass auch heute zwischen dem Überbau und dem Verhalten der Müll und Emissionen produzierenden Konsumenten so gut wie kein Zusammenhang besteht, erklärt Brämer mit dem Unterschied zwischen alter und neuer Gottheit Natur: War Erstere stets die höchste Macht, deren Entscheidung über Ernten, Leben und Tod sich die Menschen ausgeliefert fühlten, so werde die angebetete Natur heute trotz Elbflut und Dürre als Opfer gesehen, ja regelrecht verpossierlicht. Übermächtig sei statt ihrer der Antigott Mensch, der alles in den Griff zu kriegen glaubt.
Diese hochfliegenden Deutungen werfen nüchterne Fragen auf, etwa: Wie erleben die Bürger überhaupt die Natur, rein praktisch, außer mit Gießkanne und Pflanzenratgeber auf dem Balkon? Noch bis in die sechziger Jahre hatten viele zumindest über Verwandte ein unmittelbares Verhältnis zur Landwirtschaft. Doch mit deren Marginalisierung ist Natur für die Mehrheit selbst der Dorfbewohner weitgehend zum Synonym für Erholung geworden. Eine schöne Landschaft genießen zu wollen steht für 80 bis 90 Prozent der Deutschen ganz oben auf der Rangskala der Reisemotive, egal ob sich einer an den Maledivenstrand legen oder durchs Weserbergland radeln will. Mit wachsenden Ansprüchen. Einfach raus mit dem Rucksack? Das war einmal.
Cham liegt weit hinter uns. Schon nahe der tschechischen Grenze am Fuß des größten deutschen Nationalparks verfügt der Ahornhof außer dem Swimmingpool über eine umfassende Wellness-Abteilung. So etwas sollten Hotels heutzutage selbst in dieser Region für weniger betuchte Feriengäste bieten. Ob für Mountainbiker oder Skifahrer: Die Natur ist auch und vor allem Produkt. Man trifft sich im muzak-bespielten Foyer. Von dort mit einer Rangerin zu den mächtigsten Baumstämmen vorzustoßen erscheint dann als weitere Attraktion neben Massage und Qi-Gong.
Dort im Wald atmet ein schweigsames Double-Income-No-Kids-Paar aus Vaihingen-Enz tief den Bärwurzduft ein: Zu Hause wird man die Schadstoffe wieder umso stärker erleben. Und zwei Hessen fachsimpeln über Walking-Stöcke: Das hilft meiner Wirbelsäule, sagt der mit der Batschkapp. Das ist jetzt der Trend. So wie das Wandern selbst, der Megatrend. Mit steigender Tendenz pflegen die Hälfte der Deutschen und zwei Drittel der Inlandurlauber diese Freizeitbeschäftigung und schaffen so einen jedes Jahr zwölf Milliarden Euro trächtigen Tourismusmarkt. Lange galt Wandern als hinterwäldlerisch und durch die Wandervogel-Bewegung, Hitlerjugendrituale und Vatertagssaufereien diskreditiert. So etwas machten höchstens noch schlichte Gemüter, Schrate in Knickerbockern, alte Knacker in Loden.
Doch diese Aura ist verblasst. Fast jeder zweite Liebhaber von Fußmärschen hat Abitur, das Durchschnittsalter liegt bei 45, der Anteil der 20-bis 39-Jährigen stieg in wenigen Jahren von einem Viertel auf ein Drittel. Ein Comeback in neuem Fitness-Gewand. Mehr als Land und Leute kennen zu lernen oder mit den Alpenvereinskumpels zusammen zu sein zählt heute der individuelle Form- und Befindlichkeitsgewinn in einer schöneren Kulisse als der Muckibude. So nennen 90 Prozent der Wanderer als wichtigsten Antrieb, dass sie viel draußen sind, und 80 Prozent die gesundheitsfördernde Wirkung.
Nachdem die Natursucher aus dem Ahornhof 250 Jahre alte Fichten begutachtet und erfahren haben, dass Schwarzwild und Pilze hier als Folge von Tschernobyl noch immer verstrahlt sind, kehren sie in einer kleinen Pension ein, wo zum Presssack frisches Quellwasser serviert wird. Man sitzt auf Holzbänken auf einer Lichtung. Und da zeigt er sich wieder, der romantische Widerspruch: Die Natur, das ist alles!, entfährt es dem Aktivrentner aus dem Taunus in erschöpfter Zufriedenheit, und seiner Frau: Und alles ist schön. Die Natur ist das Leben! Dieses Pathos kann der runde Unternehmer aus Hessen nur klagend toppen: Meine Generation, der es immer besser gehen sollte, hat die Natur zerstört! Und der Sportcenter-Besitzer aus Franken bestätigt: Wer hat denn noch Respekt vor dem Käfer, vor jeder einzelnen Kreatur, die ihren Sinn im Ganzen hat? Einmütiges Kauen am Tisch. Einerseits.
Natur ist was zum Ausruhen
Dann sagt derselbe Franke: Aber übertreiben soll man auch nicht! Und er erzählt, wie in seinem Nachbarort eine Umgehungsstraße beinahe daran gescheitert wäre, dass eine Feldhasen-Population gesetzlich zu schützen war. Es zählt ja der Mensch schon gar nicht mehr! Gut, am Ende wurde die Straße doch gebaut. Aber so was gibts ja wohl nur in Deutschland!
Von wegen! Die Umsetzung der entsprechenden Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie musste Brüssel in Berlin erst anmahnen zur kollektiven Lebenslüge der Deutschen gehört, dass sie sich selbst gern als Musterknaben sehen. Auch die Waldurlauber plädieren im Zweifelsfall für den Arbeitsplatz und gegen die Natur: Wegen so was gehen dann die Firmen nach Tschechien oder sonstwohin, sagt der Unternehmer. Und der mit dem Fitness-Center: Die Frage ist, wollen wir den Fortschritt, oder wollen wir ihn nicht? Die Natur ist was zum Ausruhen. So ist das. Andererseits. Im Umweltbundesamt kennt man diese Haltung: Nimmt der Naturschutz & eine wirtschaftliche Unternehmungen behindernde Rolle ein, wird die Phalanx des Primats der Umwelt schmaler. Doch es gibt einen Unterschied zu früher: Die Phalanx bleibe, versichert die Berliner Studie, in der Mehrheit.
Und noch etwas verschiebt sich zugunsten der Natur: Nur noch vier Prozent der Bundesbürger sehen sie als strapazierfähig, also ausbeutbar ohne Grenzen an. 23 Prozent als empfindlich, das sind die konsequenten Romantiker. 53 Prozent aber meinen, sie sei tolerant bei vorsichtigen Eingriffen. Das sind für den Leiter des Bundesamtes für Naturschutz Hartmut Vogtmann die Hoffnungsträger der Nachhaltigkeit. Sie gelte es zu informieren und zu stärken, damit wir nicht gegen die Natur wirtschaften, sondern mit ihr. Weshalb er den Naturschutz gleich selbst als Wirtschaftsfaktor verkauft: Er steigere das Einkommen einer Region und ihr Image, schaffe neue Infrastrukturen und damit Jobs. Beispielsweise rechnet Vogtmanns Amt minutiös vor, dass der Naturschutzpark in der Brandenburgischen Elbtalaue in sieben Jahren mehr als 24 Millionen Euro in die Region gebracht habe und 120 neue Arbeitsplätze.
Außerdem sollen die im Ernstfall skeptischen Bürger noch raffinierter für die Sache gewonnen werden. An der Universität Kassel sortiert man sie in naturschutzbezogene Lebensstilgruppen, etwa erlebnisorientierte Materialisten oder besorgte Naturfreunde. Rund ein Fünftel der Bevölkerung sind demnach unabhängige Städter eher jung, mit hoher Bildung, Freiheitsdrang und praktisch keinem Bezug zur Natur im Alltag. Pragmatische Vermittlungsversuche bei dieser Gruppe müssten dann, so der Psychologe Kai Schuster, die Verbindung zwischen Freiheit und Natur betonen oder ihren Nutzen für Schönheit und Vitalität.
Die Projekte der umweltbewussten Mehrheit haben darüber hinaus zu einer neuen Variante des Konflikts zwischen Ökologie und Wirtschaft geführt: Naturschützer gegen Naturschützer. Ob bei Windmühlen, Wasserkraftwerken oder Biospritanlagen immer öfter streiten sie darum, was wichtiger sei: das traditionelle Landschaftsbild zu erhalten oder eine Form der Energiegewinnung einzuführen, die wegen ihrer Emissionsfreiheit die Zukunft auch dieser Landschaft sichert.
Und dann ist da noch die Gretchenfrage, derentwegen im Namen des Naturschutzes erbitterte Gegner des Nationalparks Bayerischer Wald gegen dessen Befürworter Sturm laufen: Welche Natur ist die eigentliche, die schützenswerte?
Den Lusen erklettert man auf alten Holztransportwegen und schmalen Pfaden durch dichten Fichtenwald. Farne, Eisenhut, Bärlapp und weißer Hahnenfuß wachsen an Rinnsalen und Bächen, die in die Kleine Ohe münden. Der Alpenmilchlattich bildet eine sonnendurchflutete Gasse, in feuchten Felsklüften verstecken sich geheimnisvolle Leuchtmoose. Ein Märchenwald.
Je weiter es nach oben geht, desto lichter wird der Baumbestand. Und dann ist auf einmal nur noch Verwüstung. Bleiche Baumleichen liegen kreuz und quer, als wären sie von Riesen in Raserei dahingeworfen, zwischen ihren zerfetzten Stümpfen. Nur noch einzelne Stämme ragen aus dem Chaos hervor. Ein Schlachtfeld auf dem ganzen Plateau, 3700 Hektar, und noch weiter breitet es sich aus. Man hat es schon auf der Herfahrt gesehen. Aus der Ferne erschien die riesige silbrig-graue Fläche wie eine Wunde, geschlagen in das breite bläuliche, schwärzliche, grünliche Band (Stifter) des Waldhorizonts.
Zwar waren die Bäume in den achtziger Jahren auch durch Schadstoffe geschwächt; und für die Fichte beginnt auf 1100 Meter Höhe ohnehin die Überlebenskampfzone. Aber dass auf mehrere wilde Stürme mehrere trockene Sommer folgten, in denen sich der Borkenkäfer hemmungslos vermehren und das große Fressen feiern konnte, ist kein Menschenwerk, sondern ein immer mögliches Ereignis in der keineswegs nur schönen Natur, das die Spezies Mensch eine Katastrophe nennt.
Die wenigen Wanderer, die hier heraufgestiegen sind, verharren andächtig, schockiert. Auf den ersten Blick schaut es schon erschreckend aus, bringt die Mutter einer Münchner Familie hervor. Und auf den zweiten? Immer noch. Erst auf den dritten entdeckt man dann Lebenszeichen im toten Holz: Büsche und Gräser, zarte, winzige Ebereschen, noch zartere Buchen und Fichten, die besonders am Fuß der absterbenden Stümpfe im fruchtbaren Kot der Borkenkäfer um Nährstoffe konkurrieren. Und vor allem ums Licht, das auf der durch Vernichtung geschaffenen freien Fläche im Überfluss zur Verfügung steht. Für sie hat die Katastrophe einen Sinn.
Hier reden die Leute über den Tod
Man hätte es wie die Förster überall machen können: das Holz aus dem Wald räumen, damit der Borkenkäfer seine Lebensgrundlage verliert, und neue Bäume anpflanzen. Doch der frühere Vorkämpfer und Leiter des Nationalparks Hans Bibelriether entschied, die Natur zu lassen, ihren Kräften zu vertrauen. Sie sollte kein Opfer sein, dem man helfen muss wie einem Krüppel. Nicht im Nationalpark. Die bereits sichtbare natürliche Verjüngung der Fichten werde dem Wald in ferner Zukunft einen höheren Grad der Stabilität verleihen, sagt Karl Friedrich Sinner, der Bibelriethers Nachfolger ist.
Unwillkürlich beginnen Besucher beim Anblick der abgestorbenen Bäume über den Tod zu reden. Über seine Ambivalenz, dass er durch Zerstörung Raum für neues Leben schafft. Der bayerische Schriftsteller und Ökologist Carl Amery nennt ihn den großen Stabilisator, der als beständiges Korrektiv zu den Ressourcen verbrauchenden zentrifugalen Kräften stehe und dessen manische Bekämpfung oder Verdrängung eine entscheidende Wurzel der Naturzerstörung sei.
Auch über ihr eigenes Sterben sprechen die Leute hier oben, erzählen die Nationalpark-Ranger, die jede Woche mit Wandergruppen auf den Lusen steigen. Viele haben das vorher noch nie getan. Beim Anblick der zarten Fichten erkennen sie: Wie der Wald, der hier wächst, einmal aussieht, werde ich nicht mehr erleben. Diese Konfrontation mit der Natur muss man aushalten.
Der Moorhofsaal zu Zwiesel ist abgedunkelt. Rund 100 vorwiegend ältere Gäste schauen sich Dias von der Zerstörung auf dem Lusen an. Die Atmosphäre ist eine Mischung aus Bierzelteinmütigkeit und einer bedrohlichen Gespanntheit. Der Feind dieser Bürgerbewegung zum Schutz des Bayerischen Waldes ist der Sinner mit seiner Verjüngungslüge. Er betreibe Schutzwald-Harakiri und verfolge eine höchst suspekte Ideologie, die einige munter Ökofaschismus nennen. Bei der Jahreshauptversammlung wird das Ergebnis der Unterschriftensammlungen bekannt gegeben sowie der Stand der angestrengten Klagen.
Hinter der aggressiven Ablehnung stecken wirtschaftliche Motive. Bauern wollen Entschädigung, sie behaupten, der Borkenkäfer springe auf ihre Wälder über. Pensionsbesitzer fürchten, dass sich Touristen abschrecken lassen könnten obwohl Untersuchungen das Gegenteil nahe legen. Wenn Besucher über den unique selling point des Naturschauspiels auf dem Lusen informiert werden, dann sind sie nach der ersten Erschütterung eher fasziniert. Oder Förster können es nicht glauben: Schade um das viele gute Holz!
Hier war eben jahrhundertelang das bayerische Armenhaus; die Leute haben vom Wald gelebt. Er wurde gepflegt, weil er existenziellen Nutzen hatte. Auf ihrem Stolz, auch auf ihren Komplexen kochen auch Politiker ihr Süppchen, wie der Ex-CSU-Mann und Exrepublikaner Franz Handlos: So einen Saustall wie am Lusen gesteht das obere Bayern dem niederen Bayern an Fremdenverkehrsattraktionen zu! Doch echte Angst und Trauer gibt es auch. Eine Lehrerin kurz vor der Pensionierung erzählt von ihrer Kindheit im Wald: Man konnte die Seele baumeln lassen. Sie sagt, es sei schwer auszudrücken, was man jetzt fühlt. Und dass hier eine Kulturlandschaft gewaltsam zu einem Urwald umgebaut werden solle.
Nationalparkleiter Sinner zeigt Verständnis: Die kulturelle Entscheidung, die Natur Natur sein zu lassen, ist eine Außerwertsetzung, der wir eine neue Wertsetzung entgegenstellen. Der normale, vertraute Erfahrungshorizont der allermeisten Menschen sei die gepflegte Kulturlandschaft die von Menschen gestaltete bäuerliche Szenerie aus Feld, Wald und Wiesen, die Wirtschaftswälder und Parks, selbst Naturschutzgebiete wie in der Lüneburger Heide. Eine kontrollierte Wildnis, die laut Freud auch die Zähmung der inneren Triebhaftigkeit spiegele. Ihre Charakteristika haben die Wahrnehmung geprägt; das, was als schön empfunden wird. Und umgehend beseitigt wird darin alles, was diese Schönheit stört.
Doch Natur, sagt Sinner, sei etwas anderes ein wildes, nicht geplantes und nicht gepflegtes Wachsen. So werde der Wald um Rahel und Lusen in Zukunft eine neue, ungewohnte Schönheit entfalten. Seine volle Ausdrucksform, mit anderen Farben, anderen Lichtbrechungen, unterschiedlichen Stämmen. Mit welken und lebendigen Pflanzen, abgestorbenem und frisch treibendem Holz. Weder für den Menschen gemacht noch auf ihn angewiesen, ihn aber auch nicht ausschließend. Weder richtig noch falsch. Diese eigentliche Natur, sagt Sinner, wird jetzt noch gar nicht geschätzt.
Damit sich das ändert und ein neues Bewusstsein für Zeitdimensionen und Rhythmen entstehen kann, sehen immer mehr Naturschutzverbände die Auseinandersetzung mit der Wildnis als zentrale Kulturaufgabe. Ähnlich will der Leiter des Bundesamtes für Naturschutz, Hartmut Vogtmann, Naturinseln mitten in die Stadt holen. Das sei nicht zuletzt ein Beitrag zum Klimaschutz, weil man dann, um Schönheit zu erleben, nicht mehr mit dem Auto nach draußen fahren müsse.
Auch Werbefachmann Heusinger, gemäß der Kasseler Klassifizierung vermutlich ein unabhängiger Städter, sagt: Vielen reicht es doch, wenn sie hier an der Spree sitzen, ins Grüne schauen und ein bisschen Biogemüse essen können. Und sein Blick folgt dem Flug einer Dohle.
"Bäume sind für mich immer die eindringlichsten Prediger gewesen. Ich verehre sie, wenn sie in Völkern und Familien leben, in Wäldern und Hainen. Und noch mehr verehre ich sie, wenn sie einzeln stehen. Sie sind wie Einsame. Nicht wie Einsiedler, welche aus irgendeiner Schwäche sich davon gestohlen haben, sondern wie große, vereinsamte Menschen, wie Beethoven und Nietzsche. In ihren Wipfeln rauscht die Welt, ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen; allein sie vermehren sich nicht darin, sondern erstreben mit aller Kraft ihres Lebens nur das Eine: Ihr eigenes, in ihnen wohnendes Gesetz zu erfüllen, ihre eigene Gestalt auszubauen, sich selbst darzustellen. Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum....Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen, um das einzelne unbekümmert, das Urgesetz des Lebens.... Wer gelernt hat, Bäumen zuzuhören, begehrt nicht mehr, ein Baum zu sein. Er begehrt nichts zu sein, als was er ist. Das ist Heimat. Das ist Glück".
Herrmann Hesse
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Buch der Natur
Das Buch der Natur ist eine Enzyklopädie von Konrad von Megenberg (erste Hälfte des 14. Jahrhunderts).
Das Buch der Natur (entstanden ca. 1349-1350) ist eine allgemeine, schon ziemlich systematische Naturgeschichte, die als Beleg der Kenntnisse der damaligen Zeit interessant und zugleich durch Anführung von vielerlei Sagen und dergleichen kulturgeschichtlich wichtig ist. Das Werk erschien zuerst ohne Ort und Jahr in Quart, dann Augsburg 1475 und danach öfter; es wurde zuletzt neu herausgegeben von Pfeiffer, Stuttgart 1861.
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Rat von Sachverständigen für Umweltfragen, Sondergutachten: Für eine Stärkung und Neuorientierung des Naturschutzes, Metzler/Poeschel, Stuttgart 2002
Bundesamt für Naturschutz: Naturschutz als Impulsgeber für sozioökonomische Entwicklungen. Landwirtschaftsverlag, Münster 2002
Kuckartz, U.: Umweltbewusstsein in Deutschland 2002 Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. Bundesministerium für Umwelt, Natuschutz und Reaktorsicherheit (BMU), Berlin
Ariane Meier, Karl-Heinz Erdmann: Naturbilder in der Gesellschaft Analyse sozialwissenschaftlicher Studien zur Konstruktion von Natur
Joachim Radkau: Natur und Macht Eine Weltgeschichte der Umwelt. München: Beck 2000.
Heiland, S.: Naturverständnis Dimensionen des menschlichen Naturbezugs - Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1992
Adalbert Stifter: Der Waldgänger; Aus dem Bayerischen Walde.
Rainer Beck: Ebersberg oder das Ende der Wildnis - Eine Landschaftsgeschichte C.H.Beck-Verlag, München 2003
Kai Schuster: Lebensstil Und Akzeptanz von Naturschutz Asanger Verlag, Heidelberg 2003
Wilde Waldnatur Broschüre des Nationalparks Bayerischer Wald zum Thema Waldwildnis. Erhältlich bei der Nationalparkverwaltung, Freyunger Str. 2, 94481 Grafenau (Bayern), http://www.nationalpark-bayerischer-wald.de
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http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/~stueber/haeckel/kunstformen/natur.html
Texte von Rainer Brämer: http://www.uni-marburg.de/erziehungswissenschaften/personal.htm
http://www.waldwildnis.de Vorträge eines Seminars zum Thema Waldwildnis, Autoren aus Psychologie, Naturschutz, Geschichte
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