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Igel, Michael; Sudhop, Thomas; Bergmann, Klaus von
Nichtlipidsenkende:
Effekte von Statinen
Deutsches Ärzteblatt 101, Ausgabe
6 vom 06.02.2004, Seite A-352 / B-300 / C-293
MEDIZIN
Zusammenfassung
Statine
(Inhibitoren der 3-Hydroxy-3-Methylglutaryl-Coenzym-A-Reduktase,
HMG-CoA-Reduktase) haben den klinischen Nutzen der lipidsenkenden
Therapie sowohl in der Primär- als auch in der
Sekundärprävention der koronaren Herzkrankheit eindeutig
bewiesen. Zusätzlich zu ihrer Hauptwirkung, der Clearance
zirkulierenden Cholesterins via verminderter hepatischer
Cholesterinsynthese und konsekutiv erhöhter Expression
hepatischer Low-density-Lipoprotein- (LDL-)Rezeptoren, führt
die Hemmung der HMG-CoA-Reduktase auch zur verminderten Synthese von
Zwischenprodukten der Cholesterinsynthese. Viele der
nichtlipidsenkenden, auch pleiotrop genannten Effekte der Statine
lassen sich mit der Hemmung der Synthese dieser Zwischenprodukte
erklären. Es werden die Pathogenese der Arteriosklerose, die
Pharmakologie der Statine und deren nichtlipidsenkende Effekte
erläutert.
Schlüsselwörter: Arteriosklerose,
Cholesterinstoffwechsel, Arzneimittelwirksamkeit, Statin,
nichtlipidsenkender Effekt
Summary
Non Lipid-Lowering
Effects of Statins
Statins have clearly shown the benefit of
cholesterol lowering therapy in primary and secondary prevention
trials of coronary heart disease. In addition to their main effect,
the enhanced clearance of circulating cholesterol and lipids due to
reduced hepatic cholesterol synthesis followed by upregulation of
low-density lipoprotein receptor, inhibition of HMG-CoA reductase
also results in the reduction of intermediates of cholesterol
biosynthesis. Most of the non lipid-lowering or so called
pleiotrophic effects of statins can be attributed to the inhibition
of synthesis of these intermediates. The pathogenesis of
atherosclerosis, the pharmacologic basis of statins, and their
pleiotropic effects are discussed.
Key words: atherosclerosis,
cholesterol metabolism, drug efficacy, statin, non lipid-lowering
effect
Statine (Inhibitoren der
3-Hydroxy-3-Methylglutaryl-Coenzym-A-Reduktase) sind in der Therapie
der Hypercholesterinämie etablierte und effektive Arzneimittel,
deren Nutzen sowohl in der Primär- als auch in der
Sekundärprävention der koronaren Herzkrankheit nachgewiesen
wurde. Zuletzt wurde in der Heart Protection Study (4)
erneut der positive Einfluss von Simvastatin auf die
Gesamtsterblichkeit, unabhängig von der Höhe des
Gesamtcholesterins vor Therapiebeginn, nachgewiesen.
Subgruppenanalysen
vorhergehender großer Statinstudien (2,
83,
89)
legen ebenfalls nahe, dass der klinische Erfolg der Statintherapie
nicht allein mit der Low-density-Lipoprotein-
(LDL-)Cholesterinsenkung assoziiert ist. In der FATS-Studie
(13)
konnte als Hinweis auf eine plaquestabilisierende Wirkung der Statine
eine 70-prozentige Reduktion der Inzidenz koronarer Ereignisse
erzielt werden, obwohl sich die vaskulären Läsionen nur um
0,7 Prozent verkleinerten. Auch die MIRACL-Studie (87)
lässt weitere endotheliale Effekte der Statine vermuten,
da bereits 16 Wochen nach akuter Koronarischämie eine
signifikante Reduktion der Restenoserate nachweisbar war und dieser
Zeitraum zu kurz ist, um relevante Veränderungen im Sinne eines
vaskulären Cholesterin-Remodeling zu bewirken. Eine Reduktion
ischämischer Insulte unter Statintherapie ist ebenfalls
nachgewiesen (18),
obwohl weder in der Framingham Heart Study (46)
noch in der MRFIT-Studie (1)
ein Zusammenhang zwischen der Cholesterinkonzentration und
ischämischem Insult nachweisbar war.
Diese Befunde lassen
vermuten, dass Statine außer ihrer cholesterinsenkenden Wirkung
weitere klinische Effekte auf die vaskuläre Integrität und
die Vulnerabilität arteriosklerotischer Veränderungen
ausüben.
Pathogenese
der Arteriosklerose
Verletzung der Gefäßintegrität, eine erhöhte Permeabilität für Makrophagen und Lipoproteine sowie eine Reduktion der Reparaturmechanismen sind Folgen der kardiovaskulären Risikofaktoren (wie Hypercholesterinämie, arterielle Hypertonie, Nikotinabusus).
Verletzungen
des Endothels führen sofort zur Freisetzung freier
Sauerstoffradikale, die Plasmalipoproteine oxidieren und die
endotheliale Funktion beeinträchtigen. Die vaskuläre
Dysfunktion führt unter anderem zur Freisetzung von
Wachstumsfaktoren mit der Folge der Gefäßmuskelproliferation
und subintimalen Migration von Makrophagen. Diese exprimieren an
ihrer Oberfläche Scavenger-Rezeptoren, die oxidiertes
LDL-Cholesterin binden und zur Transformierung der Makrophagen in
Schaumzellen führen. Damit ist der Beginn der
Plaquebildung eingeleitet. Oxidiertes LDL beschleunigt die
Plaquebildung. Es hemmt die Synthese vasorelaxierender und
antiaggregatorisch wirkender Substanzen wie Stickstoffmonoxid (NO)
und Prostacyclin (PGI) und fördert die Freisetzung von
proinflammatorischen Zytokinen (TNF-a, IL-1b, IL-6). Diese Faktoren
begünstigen das Plaquewachstum und reduzieren dessen Stabilität.
Am Ende des Prozesses findet man einen großen subendothelialen
Lipidkern, der von Makrophagen beziehungsweise Schaumzellen umgeben
und luminal nur durch ein dünnes Plaquedach abgedeckt ist. Die
Plaqueruptur, häufig im Bereich der Plaqueschulter, löst
das akute vaskuläre Ereignis aus (58,
64).
Pharmakologie
der Statine
Fünf
Statine (Atorvastatin, Fluvastatin, Lovastatin, Pravastatin und
Simvastatin) sind aktuell rezeptierbar, zwei weitere (Pitavastatin,
Rosuvastatin) befinden sich in der klinischen Prüfung oder sind
in anderen Ländern, auch innerhalb der EU, zugelassen.
Pharmakodynamische Unterschiede bestehen im Gegensatz zu den pharmakokinetischen (Lipophilie, Metabolismus, äquipotente Dosis, Interaktionen) nicht (40), wobei die Lipophilie möglicherweise der Hauptdiskriminator für pleiotrope Effekte ist.
Jedoch
lässt sich nicht generell sagen, dass die pleiotropen Effekte
nur bei lipophilen Statinen auftreten, da diese auch bei hydrophilen
Statinen (Pravastatin, Rosuvastatin) nachgewiesen wurden und die
Hemmung der hepatischen 3-Hydroxy-3-Methylglutaryl-Coenzym-
A-
(HMG-CoA-)Reduktase die Serumspiegel zirkulierender Zwischenprodukte
der Cholesterinbiosynthese vermindert. Somit kann ein
Substanzklasseneffekt angenommen werden.
Durch
die Hemmung der HMG-CoA-Reduktase kommt es zur verminderten
Produktion von Zwischenprodukten der Cholesterinbiosynthese,
insbesondere der beiden Isoprenylderivate Farnesylpyrophosphat und
Geranylgeranylpyrophosphat (34).
Diese dienen unter anderem als Lipidanker für intrazelluläre
Signaltransduktionsmoleküle (wie die GTPasen Rho, Ras, Rac)
(44).
Die Reduktion ihrer Synthese beeinträchtigt den intrazellulären
Transport und die subzelluläre Lokalisation membranassoziierter
Proteine. Zahlreiche In-vitro-Befunde deuten darauf hin, dass die
pleiotropen Effekte der Statine auf diesem Mechanismus beruhen (56).
Nichtlipidsenkende
Effekte
Endothelfunktion
Ein
besonders frühes Charakteristikum der Arteriosklerose ist die
gestörte Synthese, Freisetzung und Aktivität endothelialen
Stickstoffmonoxids (NO), welches die Gefäßmuskulatur
relaxiert sowie die Thrombozytenaggregation und Leukozytenadhäsion
reduziert (41).
Statine erhöhen die lokale Verfügbarkeit von NO, indem sie
die Geranylgeranylierung der GTPase Rho stören. Dadurch
vermindert sich die Aktivität der Rho-Kinase, sodass die
Expression der Stickoxidsynthase (52)
und die Stabilität ihrer mRNA erhöht wird (53).
Freie
Sauerstoffradikale verschlechtern die endotheliale Funktion, indem
sie NO direkt inaktivieren (24,
37).
Durch Senkung von LDL-Cholesterin reduzieren Statine zwar generell
den oxidativen Stress (14),
jedoch ist ein Teil dieser Wirkung unabhängig von der
LDL-Cholesterinsenkung, da Statine direkt die vaskuläre
Superoxid- und Hydroxyradikalproduktion beeinflussen (22,
79).
Auch reduziert die verminderte Synthese von
Geranylgeranylpyrophosphat die Aktivität der Rac-abhängigen
NADH-Oxidase (103).
Statine verstärken den vasodilatierenden Effekt von
Acetylcholin (67)
und schwächen die
vasokonstriktorische Wirkung von
Noradrenalin ab (95).
Darüber hinaus vermindern sie die Genexpression des
Angiotensin-Typ-1-Rezeptors und somit die vasokonstriktorische
Wirkung von Angiotensin II (102).
Eine positive Beeinflussung arteriosklerotisch vorgeschädigter
Koronararterien konnte bereits 24 Stunden nach der einmaligen Gabe
von einem Statinpräparat nachgewiesen werden (101).
LDL-Oxidation,
Makrophagen, Monozyten und oxidativer Stress
Die oxidative Modifikation von LDL begünstigt dessen Aufnahme in Makrophagen und das Wachstum derselben. Da Statine direkt antioxidativ wirken (33) und die Oxidation von LDL verzögern (85), reduzieren sie die endotheliale Monozytenadhäsion (104) und die Cholesterinaufnahme und -anreicherung in Makrophagen (7, 48). Obwohl die Anzahl der LDL-Rezeptoren auf der Makrophagenoberfläche durch Statine erhöht wird, nimmt deren Affinität zum LDL ab (8). Des Weiteren wird die Bildung von Cholesterinestern und konsekutiv deren Aufnahme durch Makrophagen durch das Enzym Acyl-CoA-Cholesterin-O-Acyltransferase (ACAT) gestört (49). Statine vermindern somit das Makrophagenwachstum, welches durch oxidiertes LDL induziert wird (84). Darüber hinaus steigern sie die Aktivität der Paraoxonase, einer mit High-density-Lipoprotein-(HDL-)assoziierten Esterase, deren Aktivität negativ mit der Lipidperoxidkonzentration korreliert (96). Sie verhindern auch die Synthese des chemotaktischen Makrophagenproteins MCP-1, welches an der Entstehung der Arteriosklerose beteiligt zu sein scheint, da MCP-1-Knock-out-Mäuse keine arteriosklerotischen Läsionen entwickeln (81). Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Statine vielfältig den arteriosklerotischen Prozess beeinflussen, der durch Cholesterin überladene und Zytokine sezernierende Makrophagen und Monozyten gesteigert wird. Diese Zellen führen zur Migration der glatten Muskelzellen in den subendothelialen Raum. F2-Isoprostane, zu denen das vasokonstriktorisch wirkende und das Plättchen aktivierende Prostaglandin-F2 zählt, gelten als In-vivo-Marker des oxidativen Stresses (55), und ihre erhöhte renale Ausscheidung korreliert positiv mit kardiovaskulären Risikofaktoren wie Diabetes mellitus (20), Tabakkonsum (63, 75) und Hypercholesterinämie (19, 76). Da unter der Therapie mit Statinen die PGF2-Urinkonzentration deutlich sinkt (22), ist anzunehmen, dass Statine den oxidativen Stress reduzieren.
Proliferation von Gefäßmuskelzellen
Statine reduzieren die Proliferationstendenz vaskulärer glatter Muskelzellen durch Hemmung der nukleären Effekte des platelet-derived growth factor (PDGF) (106) und durch Stillstand des Zellzyklus nach der G1-Phase (54). Dieser antiproliferative Effekt beruht wahrscheinlich auf der Blockade der Isoprenylierung der GTPasen Rho und Ras. Rho ist an der PDGF-induzierten DNA-Synthese vaskulärer Muskelzellen beteiligt, wohingegen Ras den Zellzyklus über die Aktivierung des MAP-Kinase-Weges steuert (38). Da die Anzahl glatter Gefäßmuskelzellen in arteriosklerotischen Läsionen auch durch Apoptose kontrolliert wird und Statine diesen durch DNA-Fragmentation gekennzeichneten Zelltod in Gefäßmuskelzellen induzieren, reduzieren sie die Stärke der Neovaskularisierung sowie der Restenosierung (36).
Plaque-Stabilisierung
Ein dünnes Plaquedach mit vermindertem Kollagen, erhöhter Neovaskularisierung und instabilen Muskelfasern kennzeichnet die vulnerable arteriosklerotische Plaque (28). Durch Sekretion proteolytischer Matrix-Metalloproteasen schwächen aktivierte Makrophagen beziehungsweise Schaumzellen das Plaquedach insbesondere im Bereich der schwachen Schulter, was letztlich zur Plaqueruptur führen kann (88). Statine verbessern die Plaquestabilität durch direkte Hemmung der Expression proteolytischer Matrix-Metalloproteasen (5).
Thrombozyten
Hypercholesterinämie
ist mit einer erhöhten Thrombozytenaggregation assoziiert (69),
die unter anderem auf einer verstärkten Expression von
Thromboxan A2 beruht (21)
und sich auch in der Aktivität von CD62 und CD63 (P-Selektin und
GP53) an der Thrombozytenoberfläche widerspiegelt. Statine
hemmen die Thromboxan-A2-Synthese (98)
und reduzieren die Dichte der Oberflächenproteine CD62 und CD63
(39).
Diese Veränderungen bewirken eine Verringerung des thrombogenen
Potenzials (6).
Blutgerinnung
und Fibrinolyse
Die extrinsische Aktivierung des Gerinnungssystems wird nach Verletzungen durch das Gewebsthromboplastin (GT) eingeleitet, welches Faktor VII bindet und aktiviert. GT wird an der Oberfläche von Endothelzellen und Monozyten exprimiert und bei entzündlichen Vorgängen durch IL-1b und TNF-a aus Monozyten freigesetzt. Statine reduzieren die Synthese von GT durch Hemmung der Geranylgeranylierung von Rho und konsekutiv der Rho-Kinase, die für die Synthese von GT essenziell ist (27). Im fibrinolytischen System erhöhen Statine die Expression des Gewebeplasminogenaktivator bis zum Dreifachen (26). Auch hemmen sie die Expression und Aktivität seines Gegenspielers, dem Gewebeplasminogenaktivator-Inhibitor-1 (43).
Entzündungsparameter
Statine reduzieren direkt die Expression proinflammatorischer Zytokine (IL-1b, IL-6, TNF-a) in Makrophagen (70) und Monozyten (30) sowie die mRNA-Konzentration der Cyclooxygenase-2 (COX-2) in Endothelzellen durch Aktivierung des peroxisome proliferator activated receptor alpha (PPAR) (42). C-reaktives Protein (CRP), ein in der Leber als Antwort auf proinflammatorische Zytokine synthetisiertes Akutphaseprotein, gilt als klinischer Marker für eine Entzündung (10). Seine Serumkonzentration korreliert nicht nur positiv mit dem KHK-Risiko (50), sondern auch mit dem für Myokardinfarkte, apoplektische Insulte, plötzlichen Herztod und Erkrankungen der peripheren Gefäße (78). Sowohl in der CARE- (77) als auch in der AFCAPS/TexCAPS-Studie (23) zeigte sich nach der Gabe von Statin eine signifikant geringere Konzentration von CRP, die auch mit einer geringeren Anzahl kardiovaskulärer Ereignisse einherging, und eine aktuelle Datenbankanalyse bestätigt eine signifikante Beeinflussung der CRP-Serumkonzentration durch Statine (9).
Fibrinogen und Homocystein gelten als weitere Risikoindikatoren der Arteriosklerose.
Statine senken die Serumkonzentrationen sowohl von Fibrinogen (93) als auch von Homocystein (61). Darüber hinaus hemmen sie auch die Aktivierung humaner B-Lymphozyten (82). Die Beeinflussung proinflammatorischer Zytokine könnte den positiven Einfluss bei Patienten mit Herzinsuffizienz erklären (65). Ferner verzögern Statine unabhängig von Veränderungen des Cholesterinspiegels bei transplantierten Organen die Infiltration inflammatorischer Zellen (CD4+, CD8+, CD11b+) und die Entwicklung arteriosklerotischer Läsionen (91).
Beeinflussung venöser Thrombosen
Klinische Studien und epidemiologische Untersuchungen lassen einen Zusammenhang zwischen Hypercholesterinämie, der Einnahme von Statinen und dem Risiko der Entstehung einer venösen Thrombose oder Thromboembolie vermuten (47, 74). In der Heart-and- Estrogen/Progestin-Replacement-Studie zeigte sich ein geringeres Risiko für die Entstehung tiefer Beinvenenthrombosen und Lungenembolien bei mit Statinen behandelten Patientinnen (35). Eine 22-prozentige Risikoreduktion bezüglich tiefer Beinvenenthrombosen wurde in einer Kohortenstudie mit mehr als 125 000 Personen dokumentiert (73).
Knochenstoffwechsel
Obwohl der genaue Mechanismus des Einflusses von Statinen auf den Knochenstoffwechsel und insbesondere auf die Osteoblastendifferenzierung nicht bekannt ist, weisen sowohl epidemiologische Daten als auch In-vitro-Untersuchungen auf einen Osteoblasten-stimulierenden Effekt hin (100). Eine retrospektive Analyse der 4S-Studie ergab unter der Statintherapie eine geringere Frakturinzidenz (72), und in einer Fall-Kontroll-Studie, in der Frauen mit nichtpathologischen Frakturen untersucht wurden, fand man ein signifikant geringeres Frakturrisiko bei den Patientinnen, die mit einem Statin behandelt wurden (17). Inkubiert man humane Osteoblasten mit einem Statin, so erhöht sich deren Osteocalcin- und BMP-2-Expression (BMP, bone morphogenetic protein), ein Effekt, der dem pathogenetischen Geschehen der Osteoporose entgegen wirkt (68). Durch die Zugabe von Geranylgeranylpyrophosphat kann dieser Effekt in vitro aufgehoben werden, hingegen verstärkte die Zugabe von Hydroxyfasudil, einem spezifischen Inhibitor der Rho-Kinase, die Expression von BMP-2 und Osteocalcin. Dennoch stehen eindeutige Ergebnisse laufender klinischer Studien noch aus, um Statine als etablierte Therapie der Osteoporose zu empfehlen (11, 32, 51).
Apoplektische Insulte
Eine deutliche Minderung des Schlaganfallrisikos während der Statintherapie fand man in mehreren klinischen Studien (18) und konnte erneut in der HPS-Studie mit einer Reduktion um 27 Prozent bestätigt werden, und zwar unabhängig von der Höhe des Serumcholesterins (4). Ebenso wurde in einer Metaanalyse von 45 prospektiven Untersuchungen keine Korrelation zwischen ischämischen Insulten und der Serumcholesterinkonzentration nachgewiesen (3). Dieser neuroprotektive Effekt von Statinen wird auf die positive Beeinflussung des NO-Stoffwechsels (25), der Endothelfunktion und der Gerinnung zurückgeführt (57), kann aber auch auf der Plaquestabilisierung mit verminderter Embolierate beruhen (15, 16).
Morbus Alzheimer
Erhöhte Cholesterinserumkonzentrationen werden als Risikofaktor für die Entwicklung der Alzheimer-Krankheit kontrovers diskutiert (66, 80, 94). In vitro begünstigt Cholesterin die Bildung von b-Amyloid (12, 31, 62), wohingegen Statine dies verhindern (29). Dieser Zusammenhang wird durch epidemiologische Untersuchungen gestützt, die eine geringere Prävalenz für M. Alzheimer und vaskuläre Demenz bei Patienten nachweisen, die mit einem Statin behandelt werden (45, 97, 105). Im ZNS wird Cholesterin zu 24S-Hydroxycholesterin abgebaut. Die Serumkonzentration von 24S-Hydroxycholesterin gilt als Indikator einer neuronalen Degeneration (71, 99) und ist bei Alzheimer-Patienten im frühen Stadium erhöht (60, 86). Statine reduzieren nicht nur die 24S-Hydroxycholesterinkonzentration im Serum und im Liquor (59), sondern auch die von b-Amyloid (92). Ob jedoch Statine in prospektiven Untersuchungen die Inzidenz von M. Alzheimer senken, bleibt nachzuweisen (90).
Zusammenfassend
ist festzustellen, dass die Vielzahl der Stoffwechselvorgänge,
in die Statine eingreifen, beeindruckend ist. Die Beobachtungen
unterstreichen den Stellenwert der Cholesterinbiosynthese in der
Physiologie der Zelle. Ob alle genannten Effekte auch tatsächlich
klinische Relevanz haben, bleibt abzuwarten und sollte gezielt in
prospektiven Studien untersucht werden.
Manuskript
eingereicht: 27. 8. 2003, revidierte Fassung angenommen: 10. 11.
2003
zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2004; 101:
A 352356 [Heft 6]
Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr.
med. Klaus von Bergmann
Abteilung für Klinische
Pharmakologie
Universitätsklinikum Bonn
Rheinische
Friedrich-Wilhelms-Universität
Sigmund-Freud-Straße
25
53127 Bonn
E-Mail: vonbergmann@uni-bonn.de
Die
Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das
beim Verfasser erhältlich oder im Internet unter
www.aerzteblatt.de/lit0604 abrufbar ist.
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Literaturverzeichnis zu
Igel, Michael; Sudhop, Thomas; Bergmann, Klaus von
Nichtlipidsenkende:
Effekte von Statinen
Deutsches Ärzteblatt 101,
Heft 6 vom 06.02.2004, Seite A-352
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4S Studie
DEUTSCHES ÄRZTEBLATT PRINT
EB
ASCOT-Studie:
Atorvastatin Herzinfarktrate und KHK-Mortalität
reduziert
Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 25 vom
20.06.2003, Seite A-1764
VARIA: Wirtschaft - Aus Unternehmen
Der
Cholesterinsynthesehemmer Atorvastatin führt bereits in der
Anfangsdosierung von 10 mg pro Tag zu einer signifikanten Reduktion
der Rate nicht tödlicher Herzinfarkte und der KHK-Mortalität.
Zu diesem Ergebnis gelangt die ASCOT-Studie
(Anglo-Scandinavian-Cardiac-Outcomes-Trial), die beim Kongress des
American College of Cardiology in Chicago vorgestellt und in Lancet
publiziert wurde (2003; 361: 11491158).
ASCOT schließt
mehr als 19 000 Patienten mit erhöhtem Blutdruck ein; hierbei
wurde die Wirkung neuerer Antihypertensiva mit Standardtherapeutika
in verschiedenen bezüglich der Häufigkeit kardialer
Ereignisse über einen Zeitraum von fünf Jahren verglichen.
Im Lipid-Arm der Studie erhielt etwa die Hälfte der Patienten
zusätzlich zur antihypertensiven Medikation entweder 10 mg
Atorvastatin (Sortis®, Pfizer) oder Placebo.
Wie die
Studienleiter Prof. Peter Sever (London) und Prof. Björn Dahlhöf
(Göteborg) erläuterten, hatte das unabhängige
Steering-Komitee bereits im September den Atorvastatin-Teil der
Untersuchung nach nur 3,3 Jahren beendet, da eine Placebobehandlung
wegen des signifikanten Nutzens der Behandlung mit dem Statin nicht
mehr zu verantworten war.
Im Studienverlauf wurde der Unterschied
immer größer Hinsichtlich der Ausgangsdaten bestanden
zwischen den 5 168 Patienten der Atorvastatin-Gruppe und den 5 137
Patienten der Placebo-Gruppe keine statistisch signifikanten
Unterschiede. Die Blutdruckwerte betrugen in beiden Gruppen zu Beginn
164/95 mm Hg und wurden im Laufe der Behandlung durch die parallele
antihypertensive Therapie auf 138/80 mm Hg gesenkt.
Durch die
Behandlung mit 10 mg Atorvastatin pro Tag sank das Gesamtcholesterin
von 213 mg/dl auf 163 mg/dl (minus 23 Prozent) und das
LDL-Cholesterin von 131 mg/dl auf 90 mg/dl (minus 33 Prozent). Das
HDL-Cholesterin blieb in beiden Gruppen unverändert, die
Triglyzeride wurden nur unter Atorvastatin um 22 Prozent reduziert.
Bezogen auf den primären Endpunkt traten während der
Beobachtungsdauer von 3,3 Jahren unter Atorvastatin 100 Ereignisse
auf, während unter Placebo 154 Ereignisse registriert wurden.
Dies entspricht einer statistisch signifikanten relativen
Risikoreduktion von 36 Prozent. Wie Sever erläuterte, war
bereits unmittelbar nach Beginn der Therapie ein Unterschied zwischen
Atorvastatin und Placebo erkennbar, der sich im Verlauf der Studie
kontinuierlich vergrößerte. Auch bei der Inzidenz von
tödlichen und nicht tödlichen Schlaganfällen einem
der sekundären Endpunkte konnte durch Atorvastatin die
Häufigkeit um 27 Prozent reduziert werden (Placebo 121 versus
Atorvastatin 89 Schlaganfälle).
Weitere sekundäre
Endpunkte, die statistisch signifikant reduziert wurden, waren die
Anzahl kardiovaskulärer Ereignisse und Interventionen (minus 21
Prozent) sowie die Gesamtzahl von Koronarereignissen (minus 29
Prozent). Die Verträglichkeit von Atorvastatin wurde als gut
bezeichnet und unterschied sich nicht von Placebo. EB
© Deutscher
Ärzte-Verlag
DEUTSCHES ÄRZTEBLATT PRINT
Richter, Brigitte
Ezetimibe:
Die CRP-Senkung wird nahezu verdoppelt
Deutsches Ärzteblatt
100, Ausgabe 25 vom 20.06.2003, Seite A-1764
VARIA: Wirtschaft -
Aus Unternehmen
Bei
gleichzeitiger Gabe von Ezetimibe und Simvastatin lässt sich
eine Senkung des C-reaktiven Proteins (CRP) um im Mittel 34,8 Prozent
erzielen. Dies ist nahezu doppelt so viel wie mit der
Statin-Verabreichung allein (18,2 Prozent). Das ist das Resultat
einer bei der wissenschaftlichen Jahrestagung des American College of
Cardiology (ACC) von Prof. Michael Davidson (Chicago) vorgestellten
Studie. Ezetimibe ist ein Cholesterinresorptionsinhibitor, der
über ein völlig neues Wirkprinzip spezifisch die
Cholesterin-Resorption im Darm hemmt.
Ein erhöhter
CRP-Spiegel ist nach Expertenmeinung ein unabhängiger
Risikofaktor für koronare Herzkrankheit (KHK). Zwar ist der
Zusammenhang zwischen CRP-Senkung und KHK-Reduktion noch nicht
bestätigt, ein erhöhtes CRP wird jedoch zunehmend als
potenzieller Indikator des koronaren Risikos akzeptiert. Die Forscher
gehen davon aus, dass erhöhte CRP-Spiegel als Marker eines
entzündlichen Geschehens eine atherosklerosebedingte Dysfunktion
des koronaren Endothels anzeigen.
Als
starker Prädiktor von Myokardinfarkten ist CRP den Kardiologen
seit langem vertraut. Welche Rolle dieses Protein genau in der
vaskulären Schädigungskaskade einnimmt, ist noch offen.
Aktuelle Experimente mit Endothelzell-Kulturen bestätigen die
Aktivierung der Signal-Transduktion durch Nuklear-Faktor kappa B
(NFkappaB), wodurch eine Reihe von biochemischen
Degradationsvorgängen ausgelöst wird.
Die
Wirkung von Ezetimibe (Ezetrol®, Vertrieb durch MSD und Essex
Pharma) in Kombination mit einem Statin wurde in einer Reihe von
klinischen Studien bestätigt. Es lässt sich mit dieser
Strategie bei guter Verträglichkeit eine signifikante
zusätzliche Senkung des LDL-Cholesterins erzielen. Die
Koadministration von Ezetimibe zu einer Behandlung mit Simvastatin
bewirkt eine bessere LDL-Senkung als die Verdoppelung der
Simvastatin-Dosis allein, betonte Prof. Christie M. Ballantyne
(Houston). Das zeigten die Daten einer Analyse von vier
Phase-III-Studien.
Insgesamt 540 Patienten mit
Hypercholesterinämie erhielten nach dem Zufallsprinzip entweder
10 mg Ezetimibe plus Statin in niedriger Dosis (10 mg) oder Placebo
plus Statin in hoher Dosis (80 mg Simvastatin, 80 mg Atorvastatin, 40
mg Pravastatin oder 40 mg Lovastatin). Die Behandlungsdauer betrug
zwölf Wochen. Das Resultat: Die Addition von Ezetimibe zu einem
niedrig dosierten Statin erzielt eine jeweils ähnlich gute
LDL-Cholesterin- und Triglyzerid-Senkung wie die hoch dosierten
Statine in Monotherapie. Brigitte Richter
MSD gibt bekannt,
dass Ezetrol nach Deutschland von allen Arzneimittelbehörden der
Europäischen Union sowie von Island und Norwegen zugelassen
worden ist. Aus diesem Grund wurde die deutsche Fach- und
Gebrauchsinformation mit den in der EU verwendeten Texten
vereinheitlicht.
© Deutscher
Ärzte-Verlag
DEUTSCHES ÄRZTEBLATT PRINT
Nickolaus, Barbara; Zylka-Menhorn, Vera
Statine
als Generika: Marktjustierung nach Patentablauf
Deutsches
Ärzteblatt 100, Ausgabe 12 vom 21.03.2003, Seite A-750 / B-638 /
C-598
POLITIK: Medizinreport
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© Deutscher
Ärzte-Verlag
Rückruf Lipobay
Lipobay
D/Gesundheit/Chemie/Pharma/Unternehmen
Verbraucherschützer fordern mehr Mitsprache bei Arznei-Zulassung
- Verband: Berichte über Lipobay-Schädigungen in Deutschland =
Berlin, 9. August (AFP) - Nach dem Skandal um das Medikament Baycol/Lipobay
des Bayer-Konzerns haben die Verbraucherzentralen mehr Transparenz bei der
Zulassung von Arzneimitteln verlangt. Der Verbraucherzentrale Bundesverband
(vzbv) erklärte am Donnerstag in Berlin, unabhängige Wissenschaftler müssten
endlich Einsichtsrechte in die klinischen Studien der Hersteller erhalten, die
bei der Zulassung von Medikamenten eingereicht werden. Gegenwärtig sei eine
unabhängige Prüfung der Zulassungsunterlagen nicht möglich, wenn
beispielsweise Berichte über Nebenwirkungen auf anderen Märkten vorliegen. Der
Verband forderte die Bundesregierung auch auf, Verbraucherorganisationen mehr
Möglichkeiten der Mitwirkung zu geben. Auch in Deutschland waren demnach
Dutzende Berichte über Schädigungen von Patienten durch den Cholesterin-Senker
Lipobay gemeldet.
Nach Angaben der Verbraucherschützer warnen unabhängige
Arzneimittelinformationsdienste bereits seit Monaten vor starken
Nebenwirkungen des Fettsenkers Lipobay. Allein in Deutschland habe das
zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte rund 90
Berichte über Muskelzerfall im Zusammenhang mit Lipobay registriert. Bereits
im Oktober 2000 hätten weltweit 482 Berichte über Schädigungen vorgelegen, wie
das unabhängige "arznei-telegramm" berichtet habe. In der Kombination mit
einem bestimmten anderen Mittel liege die Schädigungsrate sogar bei bis zu
zehn Prozent der Anwender.
Der Bayer-Konzern hatte am Mittwoch einen Verkaufsstopp für das Medikament
bekannt gegeben. Zuvor hatte die US-Lebensmittel- und Medikamentenaufsicht FDA
erklärte, sie gehe 31 Fällen nach, in denen die Patienten nach der Behandlung
mit Baycol/Lipobay an Muskelschwäche starben. Mit Baycol/Lipobay werden
weltweit sechs Millionen Menschen behandelt. Es gilt als eines der
umsatzstärksten Medikamente des Bayer-Konzerns.
cp/cha
D/Gesundheit/Chemie/Pharma/Unternehmen
In Deutschland vier Todesfälle im Zusammenhang mit Lipobay
- Bundesamt: Prüfverfahren gegen Arznei bereits seit Juli =
Bonn, 9. August (AFP) - In Deutschland hat es vier Todesfälle im
Zusammenhang mit dem Cholesterin-Medikament Baycol/Lipobay gegeben. Das sagte
Ulrich Hagemann vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte am
Donnerstag in Bonn der Nachrichtenagentur AFP. Insgesamt gebe es 90
Verdachtsfälle, bei denen das Medikament des Bayer-Konzerns zur Auflösung des
Muskelgewebes geführt haben könnte. Durch diese so genannte Rhabdomyolyse
gelangen die "Abfallprodukte" des Zellgewebes in die Niere, wo dies zu
Funktionsbeeinträchtigungen bis hin zum tödlichen Nierenversagen führen kann.
Grundsätzlich empfiehlt das Bundesinstitut für Arzneimittel den Patienten,
Lipobay abzusetzen. Als Alternative könnten zur Senkung der Blutfettwerte
andere Mittel vom Arzt verordnet werden.
Nach Angaben von Hagemann hat das Bundesinstitut bereits Anfang Juli ein
Prüfverfahren zur Risikobewertung des Medikaments eingeleitet. Dabei werde
auch die erhöhte Häufigkeit von schweren Nebenwirkungen untersucht. Das
Verfahren sei noch nicht abgeschlossen. Die Ergebnisse sollten anschließend
mit den anderen europäischen Ländern abgestimmt werden. Im Juni hatten demnach
die zuständigen europäischen Behörden bereits in einem Eilverfahren eine
Änderung auf der Packungsbeilage von Lipobay veranlasst. Die Wechselwirkung
mit dem Medikament Gemfibrozil, das die Nebenwirkungen verstärken kann, wird
seitdem als Gegenanzeige und nicht wie bisher nur als Warnhinweis aufgeführt.
Der Bayer-Konzern hatte am Mittwoch einen Verkaufsstopp für das Medikament
bekannt gegeben. Zuvor hatte die US-Lebensmittel- und Medikamentenaufsicht FDA
erklärte, sie gehe 31 Fällen nach, in denen die Patienten nach der Behandlung
mit Baycol/Lipobay an Muskelschwäche starben.
hex/cp
D/EU/Gesundheit/Chemie/Pharma/Unternehmen
EU-Arzneimittelbehörde prüft seit Juli Risiken von Lipobay
- Weltweit mehr als 480 Fälle von Muskelschwund bekannt =
Brüssel, 9. August (AFP) - Die EU-Arzneitmittelbehörde prüft bereits seit
Juli die Gesundheitsrisiken des Cholesterin-Senkers Baycol/Lipobay, das
mittlerweile mit fast 40 Todesfällen in Verbindung gebracht wird. Ein Sprecher
der EU-Kommission teilte am Donnerstag in Brüssel mit, die Untersuchungen
seien nach dem Bekanntwerden von weltweit 481 Fällen von Muskelschwund im
Zusammenhang mit der Einnahme des Medikaments gegen zu hohen
Blutfett-Spiegel eingeleitet worden. Es sei bekannt gewesen, dass
Baycol/Lipobay mögliche Nebenwirkungen wie die Muskelschwäche haben könne,
sagte Sprecher Gilles Gantelet. Die Mitgliedsstaaten seien dabei gewesen, ihre
Erkenntnisse zu der Überprüfung beizusteuern.
Der Bayer-Konzern sei einer möglichen Empfehlung zum Verbot der Substanz
zuvor gekommen, indem er das Medikament freiwillig vom Markt genommen habe,
sagte der Sprecher weiter. Die Entscheidung, ob ein Medikament auf den Markt
komme oder zurückgezogen werde, liege in den einzelnen Ländern. Weltweit
nahmen bislang rund sechs Millionen Menschen das Bayer-Medikament. Bislang
werden fast 40 Todesfälle mit ihm in Verbindung gebracht, davon vier in
Deutschland und 31 in den USA.
kah/jes
09.08.2001 17:57
Medikamente
Risiko von Nebenwirkungen zeigt sich erst nach der Zulassung
Nachdem die Firma Bayer ihr Cholesterin senkendes Medikament Lipobay/Baycol vom Markt genommen hat, zieht nun auch Fournier Pharma ein Mittel mit dem gleichen Wirkstoff zurück. Zenas enthält wie Lipobay den Wirkstoff Cerivastatin. Zusammen mit einem blutfettsenkenden Wirkstoff kann dieser zu Muskelzerfall führen.
Jetzt erklärt ein Pharmakologe vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, dass Patienten, die auch andere Medikamente nehmen, oft von der Erprobung ausgeschlossen sind.
Von Klaus Koch
(SZ vom 10.08.2001) - Bayer ist mit dem freiwilligen Rückzug von Lipobay offenbar weiteren Maßnahmen der Zulassungsbehörden zuvorgekommen.
Bereits Ende Juni hatte die europäische Arzneimittel-Zulassungsbehörde Emea in London die Verwendung des Medikaments deutlich eingeschränkt.
Derzeit prüfe Emea, ob auch die Nutzen-Risiko-Bilanz ähnlicher Medikamente überprüft werden müsse, sagt Gottfried Kreutz, Leiter der Abteilung klinische Pharmakologie im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn.
240.000 Menschen nahmen 1999 Cerivastatin
Cerivastatin, die Wirksubstanz in Lipobay und dem Partnermedikament Zenas von Fournier-Pharma, gehört zu einer Gruppe von insgesamt sechs ähnlichen Wirkstoffen, den Statinen.
1999 haben in Deutschland nach Zahlen des Arzneiverordnungsreports 1,6 Millionen Menschen täglich eines der Mittel eingenommen, etwa 240.000 davon Cerivastatin.
Gemeinsam ist den sechs Mitteln, dass sie im Körper die Herstellung von Cholesterin vermindern die Folge ist, dass der Spiegel der fettähnlichen Substanz im Blut absinkt. Alle sechs werden deshalb als so genannte Cholesterinsenker verschrieben.
Ziel: Vorbeugung gegen Infarkt
Allerdings ist das eigentliche Ziel der Behandlung nicht ein niedrigerer Cholesterinwert, sondern die Vorbeugung gegen Herzinfarkt. Die Höhe des Cholesterinwerts gibt zwar einen Hinweis auf das Herzinfarktrisiko, doch bisher haben nur drei der sechs zugelassenen Statine Simvastatin, Pravastatin und Lovastatin tatsächlich belegt, dass sie zumindest bei bestimmten Patienten das Herzinfarktrisiko um bis zu acht Prozentpunkte verringern können. Diese drei Vertreter sind denn auch am besten erprobt, was ihre Nutzen-Risiko-Bilanz angeht.
Dennoch werden in Deutschland nur vier von zehn Statin-Patienten mit diesen drei Mitteln behandelt. Cerivastatin und auch Atorvastatin, der Marktführer der Gruppe, sind damit typische Nachahmer-Präparate, deren Verkaufserfolg zum einem auf dem guten Ruf ähnlicher Mittel beruht, zum anderen aber auch auf einem niedrigeren Preis.
Möglich ist das, weil Zulassungsbehörden die drei anderen Cholesterinsenker Atorvastatin, Cerivastatin und Fluvastatin auch ohne den Nachweis freigeben, dass sie gleichwertig sind.
Zulassung ist immer ein Kompromiss
Das Beispiel Cerivastatin zeigt jetzt aber, dass die Annahme, dass die Studienergebnisse für ein Medikament auch auf ähnliche Medikamente verallgemeinert werden können, ein Irrtum sein kann.
Kreutz räumt ein, dass die Zulassung eines Medikamentes immer ein Kompromiss zwischen der Sicherheit der Patienten und den Interessen der Firmen ist. Die Studien, in denen die Substanzen vor der Zulassung geprüft werden, spiegeln fast nie den Alltag wider: Oft werden in solchen Erprobungen ausdrücklich Patienten ausgeschlossen, die wegen anderer Krankheiten weitere Medikamente nehmen. ÆDeshalb ist es normal, dass sich das wahre Nebenwirkungspotenzial eines Arzneimittels erst nach der Zulassung zeigt, sagt Kreutz.
Im Zusammenhang mit Cerivastatin liegen seiner Behörde 70 Verdachtsfälle über Muskelschäden vor, darunter vier Todesfälle. Auch bei Einnahme anderer Statine gebe es solche Berichte, allerdings scheine es, dass Nebenwirkungen seltener und weniger schwer seien. Problematisch ist wohl vor allem die Kombination eines Statins mit Gemfibrozil (Gemfi, Gevilon).
Auf Nebenwirkungen achten
Dietrich Höffler von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft empfiehlt mit Lipobay behandelten Patienten, mit dem Arzt über den Umstieg auf ein anderes Statin zu reden und generell auf Nebenwirkungen wie Muskelschmerzen, Fieber, Erbrechen und dunklen Urin zu achten.
Bereits 1999 gab die Kommission Empfehlungen zum Einsatz der Medikamente. Darin weist sie ausdrücklich darauf hin, entscheidend für den Sinn der Behandlung mit Statinen sei ohnehin nicht der Cholesterinwert allein, sondern die Frage, wie hoch das Herzinfarktrisiko eines Patienten sei. Dazu müssen Ärzte weitere Faktoren wie Alter, Geschlecht, Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes und bereits bestehende Herzkrankheiten mit in die Entscheidung einbeziehen.
D/USA/EU/Gesundheit/Chemie/Pharma/Unternehmen/ZF
Münchner Anwalt prüft Sammelklagen gegen Bayer wegen Lipobay
- EU-Arzneimittelbehörde erweitert Studie zu Cholesterinsenkern
(mit Pharma-Kritikern) =
Hamburg/London, 10. August (AFP) - Im Skandal um das Cholesterin-Medikament
Lipobay prüft der Münchner Anwalt Michael Witti Klagen deutscher Betroffener
gegen den Bayer-Konzern. Witti sagte am Freitag im NDR, er habe von Patienten
das erste Mandat erhalten. Zunächst müsse aber geklärt werden, ob das
Medikament tatsächlich ursächlich für schwere Nebenwirkungen und Todesfälle
sei. In Deutschland bringt das Bundesinstitut für Arzneimittel vier Todesfälle
mit Lipobay in Verbindung. Außerdem gibt es 90 Verdachtsfälle, bei denen das
Medikament zur Auflösung des Muskelgewebes geführt haben könnte.
Pharma-Kritiker forderten eine Überprüfung weiterer Bayer-Produkte und
Konsequenzen bei der Medikamentenaufsicht. Die EU-Arzneimittelbehörde weitete
unterdessen ihre Untersuchung auch auf andere Cholesterin senkende Arzneien
aus.
Witti betonte, die Kanzlei sei bereits von Angehörigen von Betroffenen
angesprochen worden, "weil wir eben auch mit den amerikanischen
Anwaltskanzleien zusammenarbeiten". Zu den Möglichkeiten einer Klage im Namen
deutscher Angehöriger in den USA sagte Witti, die amerikanischen Geschädigten,
die ihren Anspruch in den USA anhängig machen könnten, würden "die Türe
aufmachen". In den USA gehen die Behörden 31 Fällen nach, in denen Patienten
nach der Behandlung mit Baycol/Lipobay an Muskelschwäche gestorben sein
könnten. Zu den möglichen Schadensersatzsummen wollte sich Witti, der auch
ehemalige NS-Zwangsarbeiter vertreten hat, nicht äußern.
Ein Sprecher der EU-Arzneimittelbehörde EMEA sagte am Freitag in London,
die Behörde untersuche neben Lipobay nun vorsichtshalber auch andere Mittel,
die die so genannten Statine enthalten. Um welche Produkte es sich handelt,
gab der Sprecher nicht bekannt. Die EU-Behörde und das Bundesinstitut für
Arzneimittel prüfen seit Juli die Gesundheitsrisiken durch Baycol/Lipobay. Die
Untersuchungen waren nach dem Bekanntwerden von weltweit 481 Fällen von
Muskelschwund eingeleitet worden. Bayer hatte das Medikament, das als eines
der umsatzstärksten des Konzerns galt, am Mittwoch vom Markt genommen.
Weltweit nahmen bislang rund sechs Millionen Menschen das Medikament ein.
Der Bayer-kritische Verein "Coordination gegen Bayer-Gefahren" (CBG)
erklärte in Düsseldorf, es sei "unverantwortlich", dass der Konzern Lipobay
erst spät vom Markt genommen habe. Sprecher Philipp Mimkes forderte zugleich
eine verschärfte Überwachung durch die Behörden. Bislang gebe es kein
funktionierendes Meldesytem für Nebenwirkungen. "Tausende von Folgeschäden
bleiben daher unentdeckt", kritisierte er. Unabhängigen Schätzungen zufolge
führten Nebenwirkungen von Arzneien allein in Deutschland jährlich zu 16.000
Todesfällen. Nach Ansicht von CBG gehören neben Lipobay auch andere
Bayer-Präparate wie das Diabetes-Mittel Glucobay, das von Experten als
unverträglich abgelehnt werde, auf den Prüfstand.
hex/cha
Lipobay® (Cerivastatin)
von: Prof. Dr. J. C. Frölich
Erstellt am: 27.05.2001 Aktualisiert am: 09.08.2001
Lipobay® ist ein gut wirksames Arzneimittel zur Senkung
eines erhöhten Cholesterinspiegels. Wegen seltener, aber
schwerwiegender Nebenwirkungen, ist es jedoch seit August
2001 nicht mehr im Handel.
Lipobay® wurde von der Herstellerfirma am 8. August 2001
weltweit vom Markt genommen. Der Grund für die
Marktrücknahme war, dass es unter der Behandlung mit
Lipobay® in sehr seltenen Fällen zu schwerwiegenden
Nebenwirkungen an der Muskulatur (Rhabdomyolyse =
Zerstörung der Muskulatur mit Schmerzen und
Muskelschwäche) gekommen war. Es scheint, dass diese
Nebenwirkung durch die gleichzeitige Einnahme des
ebenfalls zur Senkung der Blutfette eingesetzten Wirkstoffs
Gemfibrozil (z.B. Gevilon®) vermehrt ausgelöst wird. In
Japan bleibt Lipobay® weiterhin erhältlich, weil in Japan
das Gemfibrozil nicht im Handel ist.
Lipobay® ist ein gut wirksames Arzneimittel zur Senkung eines
erhöhten Cholesterinspiegels bei Patienten mit primärer
Hypercholesterinämie (d.h., für die Erhöhung des Cholesterinspiegels
kann keine andere Ursache, z.B. eine Zuckerkrankheit oder eine
Schilddrüsenunterfunktion gefunden werden). Bei Patienten mit
einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z.B.
Arteriosklerose, koronarer Herzkrankheit) wurde für
HMG-CoA-Reduktase-Hemmer eine lebensverlängernde Wirkung
nachgewiesen. Auch die Häufigkeit von Erkrankungen des
Herz-Kreislaufsystems (z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall) kann durch
HMG-CoA-Reduktase-Hemmer gesenkt werden. Lipobay® ist daher
als HMG-CoA-Reduktase-Hemmer ein empfehlenswertes
Arzneimittel zur Therapie der primären Hypercholesterinämie.
Für Lipobay® muss der Arzt ein Rezept ausstellen (rezeptpflichtig).
Wirkungsweise
Lipobay® enthält als wirksamen Inhaltsstoff Cerivastatin, das zur
Wirkstoffgruppe der HMG-CoA-Reduktase-Hemmer gehört und zur
Therapie der Hypercholesterinämie (Fettstoffwechselstörung)
eingesetzt wird.
Als Hypercholesterinämie wird eine erhöhte
Cholesterinkonzentration im Blut bezeichnet (über 250mg/dl). Die
Hypercholesterinämie ist ein wesentlicher Risikofaktor für das
Entstehen der Arteriosklerose (Arterienverkalkung) und allen damit
verbundenen Komplikationen (Durchblutungsstörungen, Herzinfarkt,
Schlaganfall. Die Reduktion der Cholesterinkonzentration führt
nachweislich zu einer Abnahme aller dieser Erkrankungen. Vor
diesem Hintergrund ist die Behandlung der Hypercholesterinämie
eine therapeutisch sinnvolle Maßnahme.
Je nach Ursache unterscheidet man zwischen der sogenannten
sekundären sowie primären Hypercholesterinämie. Die sekundäre
Hypercholesterinämie ist die Folgeerscheinung eines Grundleidens
(z.B. Diabetes mellitus, Schilddrüsenunterfunktion oder
Alkoholismus). Die Therapie der sekundären Hypercholesterinämie
erfolgt daher indirekt durch die Behandlung des Grundleidens. Im
Vergleich zur sekundären Form liegt bei der primären
Hypercholersterinämie eine angeborene Störung des
Cholesterinstoffwechsels vor.
Das Cholesterin besitzt im Körper wichtige Funktionen. Zum
einen ist Cholesterin die Ausgangssubstanz für die Bildung der
Gallensäuren und Steroidhormone (dazu gehören z.B. die
männlichen und weiblichen Sexualhormone). Zum anderen ist das
Cholesterin ein unverzichtbarer Bestandteil der Zellmembranen. Es
ist daher nachvollziehbar, dass der Körper selbst in der Lage ist
Cholesterin zu produzieren, wodurch er von der Cholesterinzufuhr
über die Nahrung unabhängig ist. Die körpereigene
Cholesterinproduktion wird normalerweise durch den
Cholesterinbedarf der Körperzellen geregelt: Wenn die Zellen mehr
Cholesterin benötigen kann über spezielle Regulationsmechanismen
die Bildung von Cholesterin besonders in der Leber erhöht werden.
Das Cholesterin wird zusammen mit den Fetten (Triglyceriden) in
Form von verschiedenen Lipoproteinen im Blut transportiert, die
verschiedene Aufgaben haben. Die wichtigsten Lipoproteine sind das
LDL (low density lipoprotein) und das HDL (high density lipoprotein).
Sehr vereinfacht gesagt, ist das LDL für die Versorgung der
Körperzellen mit Cholesterin zuständig: Das LDL zirkuliert im Blut
und dockt an Bindungsstellen (LDL-Rezeptoren) auf den Zellen an,
wodurch den Körperzellen das Cholesterin zur Verfügung gestellt
wird. Das HDL dagegen ist sozusagen die "Cholesterin-Müllabfuhr",
denn es kann das Cholesterin aus dem Blut aufnehmen und zurück
zur Leber transportieren. So senkt es den Cholesterinspiegel im Blut
und wird daher auch als "gutes" Cholesterin bezeichnet. Es steigt
z.B. bei regelmäßiger körperlicher Aktivität (Wandern, Sport) an.
Bei Patienten mit primärer Hypercholesterinämie ist die Anzahl
der LDL-Rezeptoren erniedrigt, wodurch das im Blut zirkulierende
LDL-Cholesterin nicht oder nur vermindert in die Zellen aufgenommen
werden kann. Dies führt trotz hoher LDL-Blutspiegel zu einer
Unterversorgung der Körperzellen mit Cholesterin, wodurch in der
Leber vermehrt Cholesterin gebildet und in die Blutbahn abgegeben
wird. Bei Patienten mit primärer Hypercholesterinämie liegt also eine
krankhaft gesteigerte körpereigene Cholesterinproduktion vor, da das
gebildete Cholesterin nicht ausreichend von den Körperzellen
aufgenommen wird.
Die HMG-CoA-Reduktase-Hemmer greifen nun in die körpereigene
Cholesterinproduktion ein und hemmen ein für die Synthese
entscheidendes Enzym (Katalysator), die sog.
HMG-CoA-Reduktase. Hierdurch wird die körpereigene
Cholesterinbildung vermindert. Letztlich entscheiden ist aber, dass
durch die HMG-CoA-Reduktase-Hemmer außerdem vermehrt
LDL-Rezeptoren gebildet werden, so dass das LDL-Cholesterin
(sogenanntes "schlechtes" Cholesterin) vermehrt aus dem Blut in die
Zellen aufgenommen werden kann, wodurch sich der
Cholesterinspiegel normalisiert.
Anwendungsgebiete (Indikationen)
Primäre Hypercholesterinämie mit oder ohne erhöhten
Blutfettwerten (Hypertriglyceridämie)
Lipobay® sollte nur dann angewandt werden, wenn eine
cholesterinarme Diät alleine zu keiner ausreichenden
Senkung des Cholesterinspiegels geführt hat. Außerdem
sollten vor Beginn der Therapie sekundäre Ursachen für die
Hypercholesterinämie ausgeschlossen werden.
Gegenanzeigen (Kontraindikationen)
Wann sollte das Medikament nicht eingenommen werden?
Entzündliche Muskelerkrankungen (Myopathie),
Leberfunktionsstörungen oder unklare, dauerhafte Erhöhungen
der Leberenzymwerte (Transaminasen) im Blut auf mehr als
das 3-fache des oberen Normwertes.
Schwangerschaft und Stillzeit sowie Frauen im gebärfähigen
Alter, die keine geeigneten Verhütungsmethoden anwenden.
Überempfindlichkeit gegenüber Cerivastatin oder einem
anderen Bestandteil von Lipobay®.
Die wichtigsten unerwünschten
Wirkungen (Nebenwirkungen)
Lipobay® wird allgemein gut vertragen. Auftretende Nebenwirkungen
sind in der Regel leichter und vorübergehender Natur.
Gelegentlich (weniger als 1 von 100 Patienten)
Gelegentlich wurden Bauchschmerzen
(Abdominalschmerzen), Kopfschmerzen, Blähungen,
Verstopfung, Verdauungsbeschwerden (Dyspepsie), Durchfall
(Diarrhoe), Kraftlosigkeit (Asthenie), Muskelschmerzen
(Myalgien), Übelkeit sowie Hautausschläge beobachtet.
Selten (weniger als 1 von 100 Patienten)
Selten wurden Arm- und Beinschmerzen, Gelenkschmerzen
(Arthralgie), Muskelschwäche (Myasthenie), Schlaflosigkeit,
Taubheitsgefühle sowie ein Kribbeln der Haut (Parästhesien),
Schwindel (Vertigo) und Sehstörungen beobachtet.
Weitere Nebenwirkungen
Lipobay® kann einen Anstieg der Serum-Transaminasen
(sogenannte Leberwerte) auslösen. Dieser Anstieg ist den
meisten Fällen nur geringfügig und vorübergehend. Bei einigen
wenigen Patienten wurde allerdings ein starker Anstieg auf
mehr als das dreifache des oberen Normwertes beobachtet.
Nach Absetzen von Lipobay® normalisierten sich die Werte
wieder. Die Serum-Transaminasen sind unter Lipobay®
regelmäßig zu kontrollieren. Die Blutkonzentration der
Transaminasen ist normalerweise gering, steigt aber bei
bestimmten Erkrankungen infolge von Zellzerstörungen an.
Hierzu gehören u.a. Lebererkrankungen. Die Bestimmung der
Serum-Transaminasen kann daher einen Hinweis auf
vorliegende Erkrankungen liefern.
Bei etwa 2 von 100 Patienten wurde ein klinisch relevanter
Anstieg der Serum-Creatininphosphokinase (CPK)
beobachtet. Die CPK ist ein Muskelenzym, das bei
Muskelschädigungen in erhöhter Konzentration in der
Blutbahn nachweisbar ist. Die CPK-Werte sind regelmäßig zu
kontrollieren. Bei deutlich erhöhten CPK-Werte (mehr als
10-fach) sollte Lipobay® abgesetzt werden.
Einzelfälle
In Einzelfällen wurde eine Auflösung von Muskelfasern
(Rhabdamyolyse) mit nachfolgendem Nierenversagen
beobachtet. Des Weiteren wurden eine Entzündung der Leber
(Hepatitis) bzw. der Muskeln (Myositis) beobachtet.
Außerdem wurden Angioödeme beobachtet. Angioödeme sind
allergische Wasseransammlungen unter der Haut oder
Schleimhäuten, die in Einzelfällen schwerwiegend verlaufen
können, wenn infolge einer Anschwellung des Kehlkopfes,
Rachens und/oder der Zunge Atemnot auftritt.
Wechselwirkungen mit anderen
Medikamenten
Für viele Arzneimittel sind die Wechselwirkungen mit anderen
Arzneimitteln zahlreich und teilweise unvorhersehbar. Um
Ihrem Arzt die Einschätzung zu erleichtern, sollten Sie ihn
über alle Medikamente, die Sie regelmäßig oder gelegentlich
einnehmen, unterrichten, auch wenn Sie die Medikamente
selbst gekauft oder von einem weiteren behandelnden Arzt
erhalten haben.
Bei gleichzeitiger Anwendung von Lipobay® und dem zur
Therapie von bakteriellen Entzündungen eingesetzten
Erythromycin (z.B. Eryhexal®) oder dem bei Pilzinfektionen
eingesetzten Itraconazol (z.B. Sempera®) können die
Lipobay®-Plasmaspiegel deutlich erhöht sein. Die erhöhten
Plasmaspiegel beeinflussten aber weder die Sicherheit noch
die Verträglichkeit von Lipobay®.
Das z.B. nach Nierentransplantationen eingesetzte
Ciclosporin (z.B. Sandimmun®) kann den Plasmaspiegel von
Lipobay® um das 3- bis 5-fache erhöhen. Bei Patienten, die
mit Ciclosporin behandelt werden, sollte eine
Lipobay®-Therapie daher mit einer möglichst niedrigen Dosis
begonnen werden. Dosiserhöhungen sollten vorsichtig und
unter sorgfältiger Beobachtung erfolgen.
Bei kombinierter Anwendung von Lipobay® und den ebenfalls
bei Hypercholesterinämie eingesetzten
Ionenaustauscherharzen u.a. Colestyramin (z.B.
Quantalan®) können die Lipobay®-Plasmaspiegel erniedrigt
sein. Lipobay® sollte daher mindestens 4 Stunden nach Gabe
von Ionenaustauscherharzen verabreicht werden, um eine
Bindung von Lipobay® an das Harz zu vermeiden. Bei
Berücksichtigung dieses Einnahmeschemas kann die
Kombination von Lipobay® mit einem Ionenaustauscherharz
therapeutisch sinnvoll sein, da die cholesterinsenkende
Wirkung gesteigert wird.
Bei gleichzeitiger Gabe von Gemfibrozil (z.B. Gevilon®) und
Lipobay® ist das Risiko einer Rhabdomyolyse (Auflösung von
Muskelfasern) erhöht. Die Kombination dieser beiden
Arzneimittel wird daher nicht empfohlen.
Dosierung und Anwendung
Dosierung
Die übliche Anfangsdosis beträgt 1-mal täglich 0,1 mg Lipobay®. Die
Dosierung sollte dann individuell in 0,1 mg-Schritten angepasst
werden. Zwischen einzelnen Dosiserhöhungen sollte aber ein
Zeitraum von mindestens 4 Wochen liegen, da die maximale
therapeutische Wirkung erst nach ca. 4 Wochen erreicht ist. Die
maximale Tagesdosis beträgt 0,3 mg Lipobay®.
Bei Patienten mit Nierenfunktionsstörungen sollte die Therapie
ebenfalls mit 1-mal täglich 0,1 mg Lipobay® begonnen werden. Eine
Erhöhung der Dosis auf maximal 0,2 mg Lipobay® sollte
zurückhaltend erfolgen.
Anwendung
Vor einer Therapie mit Lipobay® sollte eine cholesterinsenkende Diät
begonnen werden, die während des gesamten Therapiezeitraums
fortgesetzt werden sollte. Die Filmtabletten werden unzerkaut mit
reichlich Flüssigkeit eingenommen. Die Einnahme kann zu jeder
Tageszeit und unabhängig von den Mahlzeiten erfolgen. Die Dauer
der Therapie ist zeitlich nicht begrenzt und wird von Ihrem
behandelnden Arzt bestimmt.
Darreichungsform
Filmtabletten: 0,1 mg; 0,2 mg; 0,3 mg
Schwangerschaft und Stillzeit
Aufgrund fehlender Erfahrungen darf Lipobay® aus Gründen der
Vorsicht während der Schwangerschaft und Stillzeit nicht
eingesetzt werden. In Stillzeit sollte Lipobay® ebenfalls nicht
eingesetzt werden, da nicht bekannt ist, ob der Wirkstoff in die
Muttermilch übertritt oder nicht.
Hersteller
Bayer Vital GmbH
Sortis® (Atorvastatin)
von: Prof. Dr. J. C. Frölich
Erstellt am: 26.05.2001
Sortis® ist ein gut wirksames Arzneimittel zur Senkung eines
erhöhten Cholesterinspiegels bei Patienten mit primärer
Hypercholesterinämie (d.h., für die Erhöhung des
Cholesterinspiegels kann keine andere Ursache, z.B. eine
Zuckerkrankheit oder eine Schilddrüsenunterfunktion
gefunden werden).
Bei Patienten mit einem erhöhten Risiko für
Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z.B. Arteriosklerose, koronarer
Herzkrankheit) wurde für HMG-CoA-Reduktase-Hemmer eine
lebensverlängernde Wirkung nachgewiesen. Auch die Häufigkeit von
Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems (z.B. Herzinfarkt,
Schlaganfall) kann durch HMG-CoA-Reduktase-Hemmer gesenkt
werden. Sortis® ist daher ein empfehlenswertes Arzneimittel zur
Therapie der primären Hypercholesterinämie.
Für Sortis® muss der Arzt ein Rezept ausstellen (rezeptpflichtig).
Wirkungsweise
Sortis® enthält als wirksamen Inhaltsstoff Atorvastatin, das zur
Wirkstoffgruppe der HMG-CoA-Reduktase-Hemmer gehört und zur
Therapie der Hypercholesterinämie (Fettstoffwechselstörung)
eingesetzt wird.
Als Hypercholesterinämie wird eine erhöhte
Cholesterinkonzentration im Blut bezeichnet (über 250mg/dl). Die
Hypercholesterinämie ist ein wesentlicher Risikofaktor für das
Entstehen der Arteriosklerose (Arterienverkalkung) und allen damit
verbundenen Komplikationen (Durchblutungsstörungen, Herzinfarkt,
Schlaganfall. Die Reduktion der Cholesterinkonzentration führt
nachweislich zu einer Abnahme aller dieser Erkrankungen. Vor
diesem Hintergrund ist die Behandlung der Hypercholesterinämie
eine therapeutisch sinnvolle Maßnahme.
Je nach Ursache unterscheidet man zwischen der sog. sekundären
sowie primären Hypercholesterinämie. Die sekundäre
Hypercholesterinämie ist die Folgeerscheinung eines Grundleidens
(z.B. Diabetes mellitus, Schilddrüsenunterfunktion oder
Alkoholismus). Die Therapie der sekundären Hypercholesterinämie
erfolgt daher indirekt durch die Behandlung des Grundleidens. Im
Vergleich zur sekundären Form liegt bei der primären
Hypercholersterinämie eine angeborene Störung des
Cholesterinstoffwechsels vor.
Das Cholesterin besitzt im Körper wichtige Funktionen. Zum einen
ist Cholesterin die Ausgangssubstanz für die Bildung der
Gallensäuren und Steroidhormone (dazu gehören z.B. die
männlichen und weiblichen Sexualhormone). Zum anderen ist das
Cholesterin ein unverzichtbarer Bestandteil der Zellmembranen. Es
ist daher nachvollziehbar, dass der Körper selbst in der Lage ist
Cholesterin zu produzieren, wodurch er von der Cholesterinzufuhr
über die Nahrung unabhängig ist. Die körpereigene
Cholesterinproduktion wird normalerweise durch den
Cholesterinbedarf der Körperzellen geregelt: Wenn die Zellen mehr
Cholesterin benötigen kann über spezielle Regulationsmechanismen
die Bildung von Cholesterin besonders in der Leber erhöht werden.
Das Cholesterin wird zusammen mit den Fetten (Triglyceriden) in
Form von verschiedenen Lipoproteinen im Blut transportiert, die
verschiedene Aufgaben haben. Die wichtigsten Lipoproteine sind das
LDL (low density lipoprotein) und das HDL (high density lipoprotein).
Sehr vereinfacht gesagt, ist das LDL für die Versorgung der
Körperzellen mit Cholesterin zuständig: Das LDL zirkuliert im Blut
und dockt an Bindungsstellen (LDL-Rezeptoren) auf den Zellen an,
wodurch den Körperzellen das Cholesterin zur Verfügung gestellt
wird. Das HDL dagegen ist sozusagen die "Cholesterin-Müllabfuhr",
denn es kann das Cholesterin aus dem Blut aufnehmen und zurück
zur Leber transportieren. So senkt es den Cholesterinspiegel im Blut
und wird daher auch als "gutes" Cholesterin bezeichnet. Es steigt
z.B. bei regelmäßiger körperlicher Aktivität (Wandern, Sport) an.
Bei Patienten mit primärer Hypercholesterinämie ist die Anzahl
der LDL-Rezeptoren erniedrigt, wodurch das im Blut zirkulierende
LDL-Cholesterin nicht oder nur vermindert in die Zellen aufgenommen
werden kann. Dies führt trotz hoher LDL-Blutspiegel zu einer
Unterversorgung der Körperzellen mit Cholesterin, wodurch in der
Leber vermehrt Cholesterin gebildet und in die Blutbahn abgegeben
wird. Bei Patienten mit primärer Hypercholesterinämie liegt also eine
krankhaft gesteigerte körpereigene Cholesterinproduktion vor, da das
gebildete Cholesterin nicht ausreichend von den Körperzellen
aufgenommen wird.
Die HMG-CoA-Reduktase-Hemmer greifen nun in die körpereigene
Cholesterinproduktion ein und hemmen ein für die Synthese
entscheidendes Enzym (Katalysator), die sog.
HMG-CoA-Reduktase. Hierdurch wird die körpereigene
Cholesterinbildung vermindert. Letztlich entscheiden ist aber, dass
durch die HMG-CoA-Reduktase-Hemmer außerdem vermehrt
LDL-Rezeptoren gebildet werden, so dass das LDL-Cholesterin
(sogenanntes "schlechtes" Cholesterin) vermehrt aus dem Blut in die
Zellen aufgenommen werden kann, wodurch sich der
Cholesterinspiegel normalisiert.
Anwendungsgebiete (Indikationen)
Senkung erhöhter Gesamtcholesterin-, LDL-Cholesterin- sowie
Trigylceridspiegel bei Patienten mit primärer
Hypercholesterinämie, wenn Diät und andere
nicht-medikamentöse (nicht-pharmakologische) Maßnahmen
keine ausreichende Wirkung erbringen.
Senkung von Gesamt- und LDL-Cholesterin bei Patienten mit
homozygoter Hypercholesterinämie, entweder in
Kombination mit anderen lipidsenkenden Maßnahmen (z.B.
LDL-Apherese, die gezielte Entfernung des LDL-Cholesterins
aus dem Blut) oder alleinige therapeutische Maßnahme, wenn
andere lipidsenkende Maßnahmen nicht verfügbar sind.
Die homozygote Hypercholesterinämie ist eine besonders schwere
Form der erblichen Hypercholesterinämie, da hier die
LDL-Rezeptoren fast vollständig fehlen bzw. funktionslos sind und
somit der Organismus nicht in der Lage ist, die Cholesterinspiegel im
Blut zu senken. Die Cholesterinspiegel liegen bei diesen Patienten
zwischen 500-1200mg/dl (Normalwert unter 250 mg/dl).
Gegenanzeigen (Kontraindikationen)
Wann sollte das Medikament nicht eingenommen werden?
Aktive Lebererkrankungen oder unklare, dauerhafte
Erhöhungen der Leberenzymwerte (Transaminasen) im Blut
auf mehr als das 3-fache des oberen Normwertes.
Entzündliche Muskelerkrankungen (Myopathie)
Schwangerschaft und Stillzeit
Frauen im gebärfähigen Alter, die keine geeigneten
Verhütungsmethoden anwenden.
Überempfindlichkeit gegenüber Atorvastatin oder einem
anderen Bestandteil von Sortis®.
Die wichtigsten unerwünschten
Wirkungen (Nebenwirkungen)
Sortis® wird allgemein gut vertragen. Auftretende Nebenwirkungen
sind in der Regel leichter und vorübergehender Natur.
Gelegentlich (mehr als 1 von 100 Patienten)
Die häufigsten Nebenwirkungen sind Verstopfung, Blähungen,
Verdauungsstörungen (Dyspepsie), Bauchschmerzen,
Kopfschmerzen, Übelkeit, Muskelschmerzen (Myalgien),
Kraftlosigkeit (Asthenie), Durchfall sowie Schlafstörungen.
Selten (weniger als 1 von 100 Patienten)
In seltenen Fällen wurden entzündliche Muskelerkrankungen
(Myopathien) sowie eine Auflösung von Muskelfasern
(Rhabdomyolyse) beobachtet.
Weitere in seltenen Fällen beobachtete Nebenwirkungen
waren Taubheitsgefühle sowie ein Kribbeln der Haut
(Parästhesien).
Weitere seltene Nebenwirkungen können sein:
Brustschmerzen, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse
(Pankreatitis) sowie der Leber (Hepatitis), Gelbsucht (Ikterus),
eine Erniedrigung der Anzahl der Blutplättchen
(Thrombozytopenie).
Außerdem wurden selten allergische Reaktionen
einschließlich angioneutrotischen Ödemen (allergische
Schwellungen der Haut und der Schleimhäute mit
Atembeschwerden bis hin zum Erstickungsgefühl)
beobachtet.
Weitere Nebenwirkungen
Sortis® kann einen Anstieg der Serum-Transaminasen
(sogenannte Leberwerte) auslösen. Dieser Anstieg ist den
meisten Fällen nur geringfügig und vorübergehend. Bei einigen
wenigen Patienten wurde allerdings ein starker Anstieg auf
mehr als das dreifache des oberen Normwertes beobachtet.
Nach Absetzen von Sortis® normalisierten sich die Werte
wieder. Die Serum-Transaminasen sind unter Sortis®
regelmäßig zu kontrollieren. Die Blutkonzentration der
Transaminasen ist normalerweise gering, steigt aber bei
bestimmten Erkrankungen infolge von Zellzerstörungen an.
Hierzu gehören u.a. Lebererkrankungen. Die Bestimmung der
Serum-Transaminasen kann daher einen Hinweis auf
vorliegende Erkrankungen liefern.
Bei etwa 2,5 Prozent der Patienten wurde ein klinisch
relevanter Anstieg der Serum-Creatininphosphokinase
(CPK) beobachtet. Die CPK ist ein Muskelenzym, das bei
Muskelschädigungen in erhöhter Konzentration in der
Blutbahn nachweisbar ist. Die CPK-Werte sind regelmäßig zu
kontrollieren. Bei deutlich erhöhten CPK-Werte (über 10-fach)
sollte Sortis® abgesetzt werden.
Wechselwirkungen mit anderen
Medikamenten
Für viele Arzneimittel sind die Wechselwirkungen mit anderen
Arzneimitteln zahlreich und teilweise unvorhersehbar. Um
Ihrem Arzt die Einschätzung zu erleichtern, sollten Sie ihn
über alle Medikamente, die Sie regelmäßig oder gelegentlich
einnehmen, unterrichten, auch wenn Sie die Medikamente
selbst gekauft oder von einem weiteren behandelnden Arzt
erhalten haben.
Bei anderen HMG-CoA-Reduktase-Hemmern wurde bei der
kombinierten Anwendung mit nachfolgend aufgeführten
Arzneistoffen ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer
Myopathie (Muskelschäden) beobachtet, wobei in seltenen
Fällen eine Rhabdomyolyse (Auflösung von Muskelfasern) mit
Nierenversagen aufgetreten ist. Zu diesen Arzneistoffen
gehören u.a. die ebenfalls bei Hypercholesterinämie
eingesetzten Fibrate (z.B. Cedur®) sowie die
Nikotinsäurederivate (Niacin), die u.a. bei
Durchblutungsstörungen eingesetzt werden.
Sortis® wird in der Leber über ein Enzym (körpereigener
Katalysator) abgebaut. Arzneistoffe, die die Aktivität dieses
Enzyms hemmen, können daher den Abbau von Sortis®
herabsetzen, seine Konzentration im Blut erhöhen, wodurch
die Wirkung sowie Nebenwirkungen (Myopathie,
Rhabdomyolyse) verstärkt sind. Sortis® sollte daher mit den
nachfolgend aufgeführten Arzneistoffen nur
zurückhaltend kombiniert werden: Ciclosporin
(Sandimmun®: nach Organverpflanzungen),
Makrolidantibiotika (u.a. Erythromycin, Clarithromycin,
Josamycin und Spiromycin) sowie Mittel gegen Pilzinfektionen
(Antimykotika) von Azol-Typ (u.a. Itraconazol z.B.
Sempera®).
Bei gleichzeitiger Anwendung von Sortis® und dem zur
Therapie der Herzschwäche (Herzinsuffizienz) eingesetzten
Digoxin (z.B. Lanicor®) muss mit einer therapeutisch
relevanten Erhöhung der Digoxin-Plasmaspiegel gerechnet
werden. Zur Vermeidung von Nebenwirkungen kann daher eine
Reduktion der Digoxin-Dosierung erforderlich sein.
Sortis® kann bei gleichzeitiger Anwendung oraler
Kontrazeptiva (die "Pille") die Hormonkonzentration im Blut
erhöhen. Dieser Konzentrationsanstieg sollte bei der Wahl der
Stärke des oralen Verhütungsmittels berücksichtigt werden.
Bei kombinierter Anwendung von Sortis® und dem ebenfalls
bei Hypercholesterinämie eingesetzten Colestipol
(Cholestabyl®) können die Sortis®-Plasmaspiegel erniedrigt
sein. Dies ist allerdings therapeutisch unbedeutend, da die
Kombination stärker cholesterinsenkend wirkt als die alleinige
Gabe der Wirkstoffe.
Magnesium- sowie Aluminium-haltige Antazida (Mittel zur
Neutralisierung der Magensäure, z.B. Gelusil®) können die
Aufnahme von Sortis® aus dem Darm herabsetzen. Inwieweit
dies therapeutisch bedeutsam ist, kann derzeit noch nicht
beurteilt werden, dennoch sollten die Einnahme von Sortis®
aus Gründen der Vorsicht zeitlich versetzt zur
Antazida-Anwendung erfolgen.
Bei gleichzeitiger Anwendung von Sortis® und dem
blutgerinnungshemmenden Warfarin (z.B. Coumadin®) kann
eine vorübergehende verstärkte Warfarin-Wirkung auftreten,
die sich aber im weiteren Therapieverlauf normalisiert.
Dennoch sollte der Quick-Wert regelmäßig überprüft werden.
Dosierung und Anwendung
Dosierung
Die übliche Anfangsdosis beträgt 1-mal täglich 10 mg Sortis®. Die
Dosierung sollte dann individuell entsprechend des
Ausgangs-LDL-Cholesterinwertes, dem Ziel der Therapie sowie dem
Ansprechen des Patienten angepasst werden. Zwischen einzelnen
Dosiserhöhungen sollte aber ein Zeitraum von mindestens 4 Wochen
liegen, da die maximale therapeutische Wirkung erst nach ca. 4
Wochen erreicht ist. Die maximale Tagesdosis beträgt 80 mg
Sortis®.
Anwendung
Vor einer Therapie mit Sortis® sollte eine cholesterinsenkende Diät
begonnen werden, die während des gesamten Therapiezeitraums
fortgesetzt werden sollte. Die Filmtabletten werden unzerkaut mit
reichlich Flüssigkeit eingenommen. Die Einnahme kann zu jeder
Tageszeit und unabhängig von den Mahlzeiten erfolgen. Die Dauer
der Therapie ist zeitlich nicht begrenzt und wird von Ihrem
behandelnden Arzt bestimmt.
Darreichungsform
Filmtabletten: 10 mg; 20 mg
Schwangerschaft und Stillzeit
Schwangerschaft
Tierversuche ergaben Hinweise, dass Sortis die embryonalen
Entwicklung beeinflussen kann. So war die Lebensfähigkeit sowie
das Wachstum neugeborener Ratten beeinträchtigt. Inwieweit diese
Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind, ist nicht untersucht.
Aufgrund fehlender Daten kann die Sicherheit einer Anwendung von
Sortis® in der Schwangerschaft nicht beurteilt werden, so dass
Sortis® in der Schwangerschaft nicht angewandt werden darf.
Stillzeit
Sortis® ging im Tierversuch in die Muttermilch über und erreichte dort
wirksame Konzentrationen. Inwieweit Sortis® in die menschliche
Muttermilch übergeht ist nicht bekannt. Da die Sicherheit einer
Sortis®-Therapie in der Stillzeit nicht beurteilt werden kann, darf
Sortis® aus Gründen der Vorsicht während dieser Zeit nicht
angewandt werden.
Hersteller
PARKE-DAVIS GMBH, ein Unternehmen der Pfizer-Gruppe;
Gödecke GmbH, ein Unternehmen der Pfizer-Gruppe; PFIZER
GmbH; MackMack, Illertissen: Heinrich Mack Nachf. GmbH & Co.
KG, ein Unternehmen der Pfizer-Gruppe
Lipiqol
0,1 mg, 0,2 mg, 0,3 mg, 0,4 mg
HMG-CoA-Reduktase-Hemmer
Zusammensetzung
Eigenschaften/Wirkungen
Pharmakokinetik
Indikationen/Anwendungsmöglichkeiten
Dosierung/Anwendung
Anwendungseinschränkungen
Unerwünschte Wirkungen
Interaktionen
Überdosierung
Sonstige Hinweise
Packungen
Zusammensetzung
1 Lacktablette Lipiqol 0,1 mg enthält:
Wirkstoff: 0,1 mg Cerivastatin-Natrium.
Hilfsstoffe: Excip. pro compresso obducto.
1 Lacktablette Lipiqol 0,2 mg enthält:
Wirkstoff: 0,2 mg Cerivastatin-Natrium.
Hilfsstoffe: Excip. pro compresso obducto.
1 Lacktablette Lipiqol 0,3 mg enthält:
Wirkstoff: 0,3 mg Cerivastatin-Natrium.
Hilfsstoffe: Excip. pro compresso obducto.
1 Lacktablette Lipiqol 0,4 mg enthält:
Wirkstoff: 0,4 mg Cerivastatin-Natrium.
Hilfsstoffe: Excip. pro compresso obducto.
Eigenschaften/Wirkungen
Cerivastatin ist ein synthetisch hergestellter, spezifischer Hemmer der
Cholesterinsynthese. Cerivastatin hemmt das Enzym HMG-CoA-Reduktase
(3-Hydroxy-3-Methylglutaryl-Coenzym A) spezifisch und kompetitiv. Dieses
Enzym katalysiert den geschwindigkeitsbestimmenden Schritt der
Cholesterinsynthese, die Umwandlung von HMG-CoA zu Mevalonsäure. Der
Hauptwirkungsort von Cerivastatin ist die Leber.
Durch die Senkung des intrazellulären Cholesteringehaltes stimulieren die
HMG-CoA-Reduktasehemmer die Synthese der LDL-Rezeptoren in der Leber und
erhöhen dadurch die LDL-Cholesterin-Clearance und senken das
Gesamtcholesterin und das LDL-Cholesterin im Serum.
Eine gemeinsame Analyse der Daten aus klinischen Studien an Patienten mit
Hypercholesterinämie vom Typ IIa und IIb hat gezeigt, dass Cerivastatin das
Gesamt-, LDL-Cholesterin- und Triglyceride dosisabhängig senkt sowie
HDL-Cholesterin erhöht.
In tierexperimentellen Untersuchungen beim Hund wurde eine toxische Wirkung
auf die Hoden festgestellt. Diese Beobachtung scheint jedoch keine klinische
Bedeutung zu besitzen.
Pharmakokinetik
Absorption
Cerivastatin wird rasch und nahezu vollständig im Gastrointestinaltrakt resorbiert
und erreicht die maximale Plasmakonzentration (cmax) 2-3 Stunden nach
Verabreichung. Die maximale Konzentration und die Fläche unter der
Plasmaspiegel-Kurve (AUC) steigen dosisabhängig über einen Dosisbereich von
0,05 bis 0,4 mg. (Durchschnittliche cmax-Werte für 0,1 mg: 1,29 µg/L; 0,2 mg:
2,40 µg/L; 0,3 mg: 3,75 µg/L).
Die interindividuelle Variabilität der AUC- und cmax-Werte beträgt 30-40%.
Die absolute Bioverfügbarkeit von Cerivastatin beträgt ca. 60%. Die
Bioverfügbarkeit der Lacktabletten entspricht derjenigen einer oral verabreichten
Cerivastatin-Lösung mit ähnlichen cmax- und tmax-Werten. Die Pharmakokinetik
von Cerivastatin wird durch gleichzeitige Nahrungseinnahme nicht beeinträchtigt.
Distribution
Cerivastatin wird im Plasma zu mehr als 99% an Proteine, hauptsächlich Albumin,
gebunden. Das Verteilungsvolumen im Steady-State von 0,3 l/kg Körpergewicht
zeigt, dass die Substanz nur wenig ins Gewebe penetriert. Bei wiederholter
Verabreichung wurde keine Akkumulation beobachtet.
Metabolismus
Beim Menschen bestehen zwei gleichermassen wichtige Metabolisierungswege:
die Demethylierung des Benzylmethyläthers, die vor allem zum Metaboliten M-1
führt, sowie die Hydroxylierung an einer Methylgruppe des
6-Isopropyl-Substituenten, die zum Metaboliten M-23 führt. Als Produkt der
kombinierten Biotransformationsreaktionen tritt auch in unbedeutendem Ausmass
der Metabolit M-24 auf. Alle drei Metaboliten sind aktive Hemmer der
HMG-CoA-Reduktase mit einem ähnlichen ED50-Wert wie das
Ausgangsmedikament, was die Gesamtwirkung des Präparats unterstützt.
In-vitro-Versuche mit humanen Lebermikrosomen und Zellen, die humane
Cytochrom-P450-Isoenzyme ausdrücken, zeigten, dass Cerivastatin durch
mindestens zwei Cytochrom-P450(CYP)-Isoenzyme, CYP 2C8 und CYP 3A4,
metabolisiert wird. Diese Versuche wurden durch speziell angelegte
mechanistische in-vivo-Interaktionsstudien bestätigt. Cerivastatin zeigt eine
hohe Affinität zu CYP 2C8, das die Bildung von M-1 und M-23 in beinahe gleichem
Ausmass katalysiert. Die Affinität zu CYP 3A4 ist erheblich geringer; CYP 3A4
bildet nur M-1. Die Bildung des sekundären Metaboliten M-24 wird durch die
gleichen CYP-Isoenzyme katalysiert. Aufgrund dieses zweifachen
Metabolisierungswegs und der Beteiligung von mehr als einem CYP-Isoenzym ist
Cerivastatin nicht sehr empfindlich auf die Cytochrom-P450-Hemmung. Ist einer
der Metabolisierungswege (z.B. CYP 3A4) blockiert, wird Cerivastatin über den
anderen Weg metabolisiert.
Aufgrund der in-vitro-Ergebnisse aus den Enzymaffinitäts-Untersuchungen wird
davon ausgegangen, dass Cerivastatin und seine hauptsächlichen Metaboliten
keine der gängigen Cytochrom-P450-Enzymuntergruppen hemmen (insbesondere
CYP 1A2, 2A6, 2C8, 2C9, 2C19, 2D6, 2E1 und 3A4).
Elimination
Cerivastatin wird ausschliesslich über die Cytochrom P450 vermittelte
Biotransformation ausgeschieden (mindestens CYP 2C8 und 3A4).
Mit einer Clearance von ca. 0,2 l/h/kg gilt Cerivastatin als
Low-Clearance-Medikament. Die Plasma-Halbwertszeit beträgt ca. 2-3 Stunden,
30% der Dosis werden als Metaboliten im Urin und 70% über die Fäzes
ausgeschieden. Weder im Urin noch in den Fäzes wird unverändertes Cerivastatin
gefunden.
Kinetik in besonderen klinischen Situationen
Alter und Geschlecht haben keinen klinisch relevanten Einfluss auf die
Pharmakokinetik von Cerivastatin. In den verschiedenen untersuchten ethnischen
Gruppen wurden vergleichbare pharmakokinetische Resultate gemessen.
Patienten mit Nierenfunktionsstörungen
Niereninsuffizienz: Bei Patienten mit leichter Niereninsuffizienz
(Kreatinin-Clearance (ClCr): 61-90 ml/Min./1,73 m²) war der Plasmaspiegel von
Cerivastatin im Fliessgleichgewicht nach der Verabreichung von oralen
Mehrfachdosen von 0,3 mg Lipiqol während sieben Tagen im Vergleich zu den
gesunden Probanden der Kontrollgruppe (ClCr >90 ml/Min./1,73 m²) praktisch
unverändert. Bei Patientengruppen mit mässiger (ClCr 31-60 ml/Min./1,73 m²) und
schwerer Niereninsuffizienz (ClCr <30 ml/Min./1,73 m²) wurden Zunahmen bei der
AUC (bis zu 60%) und der cmax (bis zu 23%) beobachtet, ohne dass jedoch eine
signifikante Korrelation zum Grad der Verschlechterung der Nierenfunktion
festgestellt wurde. Ebenso wurden keine klinischen Auswirkungen auf die
Sicherheitsparameter beobachtet, die sich auf diese Zunahmen zurückführen
liessen. Die Plasmaspiegel der Metaboliten wurden nicht beeinflusst, und nach der
Mehrfachdosierung war keine Akkumulation des Medikaments im Plasma zu
beobachten.
Hämodialyse: Zwar wurden bei Patienten mit einer Nierenerkrankung im
Endstadium keine Studien durchgeführt, doch es ist nicht zu erwarten, dass die
Hämodialyse die Clearance von Cerivastatin signifikant erhöht, da das Medikament
grösstenteils an Plasmaproteine gebunden ist.
Patienten mit Leberfunktionsstörungen
Da Cerivastatin bei Patienten mit einer aktiven Lebererkrankung kontraindiziert
ist, wurden in dieser Patientengruppe keine pharmakokinetischen Untersuchungen
durchgeführt.
Indikationen/Anwendungsmöglichkeiten
Belegte Indikationen
Primäre Hypercholesterinämie bei Patienten (Typ IIa und Typ IIb), die auf eine
entsprechende Diät nicht genügend angesprochen haben.
Dosierung/Anwendung
Vor der Verschreibung von Lipiqol sollten sekundäre Ursachen einer
Hypercholesterinämie ausgeschlossen werden. Die Patienten sollten ihre übliche
cholesterinsenkende Diät während der Behandlung weiterführen.
Übliche Dosierung
Erwachsene
Lipiqol soll 1× täglich am Abend (zum Nachtessen oder vor dem Schlafengehen)
eingenommen werden.
Die Anfangsdosis beträgt 0,1 mg 1× täglich. In Abständen von mindestens
4 Wochen kann die Dosis je nach Ansprechen schrittweise um 0,1 mg erhöht
werden. Die höchste empfohlene Dosis beträgt 0,4 mg 1× täglich.
Die gleichzeitige Einnahme von Nahrung beeinträchtigt die Wirkung von
Cerivastatin nicht.
Innerhalb von 2 Wochen setzt die Wirkung von Lipiqol ein. Die maximale Wirkung
ist nach 4 Wochen erreicht und hält während der ganzen Therapiedauer an.
Spezielle Dosierungsanweisungen
Ältere Patienten
Es gibt keine klinischen Hinweise auf die Notwendigkeit einer Dosisänderung bei
dieser Patientengruppe. Wie bei anderen Medikamenten sollte die Behandlung mit
der niedrigsten Dosis begonnen werden.
Niereninsuffizienz
Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Nierenerkrankung sollten die
Behandlung ebenfalls mit 1× täglich 0,1 mg Cerivastatin-Natrium beginnen
(entsprechend 1 Lacktablette Lipiqol 0,1). Eine Dosiserhöhung auf maximal 1×
täglich 0,2 mg Cerivastatin-Natrium sollte zurückhaltend erfolgen.
Kinder
Da keine klinischen Erfahrungen vorliegen, wird die Anwendung bei Kindern zur
Zeit nicht empfohlen.
Kombinationsbehandlung
Obwohl Lipiqol als Monotherapie das Gesamtcholesterin sowie das LDL-Cholesterin
wirksam senkt, kann die Wirkung durch gleichzeitige Verabreichung einer
Substanz gesteigert werden, welche die Gallensäurenausscheidung erhöht (z.B.
Colestyramin, vgl. «Medikamenten-Interaktionen»).
Anwendungseinschränkungen
Kontraindikationen
Bekannte Überempfindlichkeit gegen Cerivastatin oder einen anderen Inhaltsstoff
von Lipiqol.
Myopathie, aktive Lebererkrankung oder ungeklärte persistierende Erhöhung der
Serumtransaminasen.
Schwangerschaft und Stillzeit, gebärfähige Frauen, wenn kein wirksamer
nicht-hormoneller Konzeptionsschutz besteht.
Vorsichtsmassnahmen
Leberfunktion
Wie mit anderen Statinen traten unter Behandlung mit Lipiqol erhöhte
Leberenzymwerte auf. Bei der überwiegenden Zahl der Fälle waren diese
Erhöhungen gering und asymptomatisch.
Daher sollte die Leberfunktion vor Therapiebeginn und danach in regelmässigen
Abständen überprüft werden. Bei Patienten mit steigenden Transaminasespiegeln
ist Vorsicht geboten und die Behandlung sollte abgebrochen werden, wenn die
Werte der Alaninaminotransferase (ALT) und der Aspartatamino-transferase
(AST) dreimal höher als die obere Normgrenze sind (ULN).
Vorsicht ist geboten, wenn Lipiqol-Patienten mit anamnestisch bekanntem hohem
Alkoholkonsum oder durchgemachter Lebererkrankung (aktive Lebererkrankung
oder ungeklärte erhöhte Transaminasewerte sind Kontraindikationen für die
Verwendung von Lipiqol) verabreicht wird.
Muskulatur
Wie bei anderen HMG-CoA-Reduktasehemmern wurden bei Patienten unter Lipiqol
sporadisch Erhöhungen der Kreatininphosphokinase (CPK) beobachtet, die jedoch
in der Regel ohne klinische Bedeutung war. Selten wurde unter
HMG-CoA-Reduktasehemmern über Myopathien in Verbindung mit erhöhten
CPK-Werten (> das 10-fache des oberen Normwertes) und/oder über diffuse
Myalgien, Muskelempfindlichkeit oder -schwäche berichtet. Die Patienten müssen
Muskelschmerzen, -empfindlichkeit oder -schwäche sofort melden, insbesondere,
wenn diese von Unwohlsein und Fieber begleitet sind. Lipiqol muss abgesetzt
werden, wenn deutlich erhöhte CPK-Werte gemessen werden oder eine
Myopathie vermutet oder diagnostiziert wird. Bekanntlich steigt das Risiko einer
Myopathie bei Patienten, die HMG-CoA-Reduktasehemmer erhalten und
gleichzeitig mit Cyclosporin, Fibraten, Nikotinsäure, Erythromycin und Itraconazol
behandelt werden (siehe «Interaktionen»). Die gleichzeitige Anwendung dieser
Arzneimittel sollte daher vermieden werden.
Selten traten Fälle von Nierendysfunktion nach Rhabdomyolyse mit Medikamenten
dieser Klasse auf. Deshalb sollte die Behandlung mit Lipiqol vorübergehend
abgebrochen werden, wenn ein Patient nach einer Rhabdomyolyse eine
Niereninsuffizienz entwickeln könnte.
Nach kombinierter Behandlung mit Gemfibrocil und Cerivastatin wurde über Fälle
mit Rhabdomyolyse (mit oder ohne akutes Nierenversagen) berichtet. Deshalb
wird die Behandlung mit dieser Kombination nicht empfohlen.
Ophthalmologie
Unter der Behandlung sind Linsentrübungen beobachtet worden; jedoch konnte -
wie auch bei anderen Statinen - ein kausaler Zusammenhang mit der Medikation
nicht hergestellt werden.
Schwangerschaft/Stillzeit
Schwangerschaftskategorie X.
In Tierversuchen wurden keine teratogenen Wirkungen beobachtet. Es liegen
keine Daten über die Verwendung von Lipiqol bei schwangeren Frauen vor.
Cholesterin und Cholesterinderivate sind wichtige Komponenten der fötalen
Entwicklung. Deshalb sind HMG-CoA-Reduktasehemmer während der
Schwangerschaft und bei gebärfähigen Frauen ohne wirksamen nicht-hormonellen
Konzeptionsschutz kontraindiziert.
Ein möglicher Übertritt von Cerivastatin in die Muttermilch wurde deshalb nicht
untersucht.
Lipiqol soll stillenden Müttern nicht verabreicht werden.
Unerwünschte Wirkungen
In klinischen Studien wurden die folgenden Erscheinungen häufiger als unter
Placebo beobachtet: Sinusitis (3,8%), Kopfschmerzen (3,8%), Rhinitis (3,1%),
Grippesymptome (1,5%), Bauchschmerzen (3,5%), Rückenschmerzen (2,5%),
Hautausschlag (2,5%), Pharyngitis (2,3%), Muskelkrämpfe (1,2%), Erbrechen
(1,2%).
Nausea (1,5%), erhöhte Kreatininphosphokinase (2,1%), Asthenie (3,4%),
Flatulenz (2,7%), Beinschmerzen (1,9%), Armschmerzen (1,9%),
Gelenkschmerzen (2,8%), Myalgie (1,7%), Myasthenie (0,2%), Schlaflosigkeit
(1,6%), Paraesthesie (0,2%), Schwindel (1,5%), Augenbeschwerden (0,3%).
Folgende Nebenwirkungen wurden in Spontanberichten mit einer Häufigkeit von
weniger als 0,01% gemeldet:
Allergische Reaktionen, Anaphylaxie, Angioödem, Hepatitis, Rhabdomyolysis,
Myositis.
Unter der Therapie mit Lipiqol wurde - wie auch bei anderen Statinen - ein
Anstieg der Serumtransaminasen beobachtet. Diese Erhöhungen der
Transaminasen-Werte betrugen in allen Behandlungsgruppen weniger als das
Doppelte des oberen Normwertes.
Unter der Therapie mit 0,1-0,4 mg kam es bei 0,39% der Patienten zu einem
klinisch relevanten Anstieg um mehr als das Dreifache des oberen Normwertes
von Aspartattransaminase und bei 0,33% ähnliche Anstiege von
Alanintransaminase.
Erhöhte Kreatinin-Phosphokinase-Spiegel (CPK) um mehr als das Dreifache des
oberen Normwertes wurden nach 1- bzw. 2jähriger Therapie in 1,7% bzw. 2,1%
der Fälle beobachtet. Bei einer Behandlung mit Dosen von 0,1-0,4 mg zeigten
0,26% der Patienten mit normalen CPK-Ausgangswerten eine Erhöhung um mehr
als das Zehnfache des oberen CPK-Normwertes.
Rhabdomyolysen wurden beschrieben.
Wie auch bei anderen Statinen wurde über neue subcapsuläre und nucleäre
Linsentrübungen berichtet, obgleich ein kausaler Zusammenhang mit Cerivastatin
nicht nachgewiesen wurde.
Folgende schwere Nebenwirkungen, welche bisher mit Cerivastatin nicht
beobachtet wurden, sind für Arzneimittel dieser Klasse beschrieben:
Hypersensitivitätssyndrom, einschliesslich Lupus erythematosus-ähnliches
Syndrom, Vasculitis, Purpura, haemolytische Anämie, toxische epidermale
Nekrolyse, Erythema multiforme (inkl. Stevens-Johnson Syndrom), chronisch
aktive Hepatitis und selten Zirrhose, fulminante hepatische Nekrose,
cholestatische Gelbsucht und periphere Neuropathie.
Interaktionen
Auswirkungen von Lipiqol auf andere Medikamente
Cytochrom-P450(CYP)-Substrate
Im Rahmen von in vitro durchgeführten Enzym-Affinitätsuntersuchungen ergaben
sich keine Hinweise auf ein Cytochrom-P450-Hemmungspotential von
Cerivastatin, einschliesslich von CYP 3A4, des wichtigsten Enzyms zur
Metabolisierung des Medikaments. Wie aufgrund dieser Erkenntnisse zu erwarten
ist, wurden in vivo keine Interaktionen mit anderen, gleichzeitig verabreichten
Medikamenten beobachtet, die Substrate von CYP 3A4 oder anderen
CYP-Enzymen sind.
Nifedipin
In einer In-vivo-Interaktionsstudie mit dem Dihydropyridin-Kalziumantagonisten
Nifedipin, der hauptsächlich über CYP 3A4 metabolisiert wird, hatte Lipiqol keine
Auswirkungen auf den Plasmaspiegel von Nifedipin.
Warfarin
Die gleichzeitige Verabreichung von Warfarin und Lipiqol an gesunde Probanden
führte im Vergleich zu Placebo zu keinen Veränderungen der Prothrombinzeit oder
der Aktivität des Gerinnungsfaktors VII. Die Pharmakokinetik beider
Warfarin-Isomere wurde durch die gleichzeitige Verabreichung von 0,3 mg Lipiqol
nicht beeinflusst.
Digoxin
Die Digoxinspiegel im Plasma und die Digoxin-Clearance im Fliessgleichgewicht
wurden durch die gleichzeitige Verabreichung von einmal täglich 0,2 mg Lipiqol
nicht beeinflusst.
Weitere Medikamente, auf die Lipiqol keine Auswirkungen hat
Die gleichzeitige Verabreichung von Lipiqol beeinflusste die Pharmakokinetik von
Mibefradil, Ciclosporin, Erythromycin, Itraconazol und Omeprazol nicht.
Auswirkungen anderer Medikamenten auf Lipiqol
Cytochrom-P450-Hemmer
Cerivastatin wird über einen zweifachen Metabolisierungsweg metabolisiert, wobei
zumindest zwei Cytochrom-P450-Isoenzyme, CYP 2C8 und CYP 3A4, beteiligt
sind. Wird ein Weg gehemmt, lässt sich eine Kompensationswirkung beobachten.
Cimetidin
Die gleichzeitige Verabreichung des unspezifischen CYP-Hemmers Cimetidin führte
zu keinen signifikanten Veränderungen der Pharmakokinetik von Cerivastatin.
Erythromycin
16 Patienten mit einer Hypercholesterinämie, denen einmal täglich 0,3 mg Lipiqol
verabreicht wurde, erhielten während zehn Tagen das Makrolid-Antibiotikum
Erythromycin, einen spezifischen CYP-3A4-Hemmer, in einer Dosierung von
zweimal täglich 500 mg. Dabei wurde eine Erhöhung des
Cerivastatin-Plasmaspiegels im Fliessgleichgewicht um 51% beobachtet, wobei
keine darauf zurückzuführenden klinischen Auswirkungen auf die Verträglichkeits-
und Sicherheitsparameter festzustellen waren.
Itraconazol
In ähnlicher Weise führte bei 16 Patienten mit einer Hypercholesterinämie die
gleichzeitige Verabreichung eines anderen starken CYP-3A4-Hemmers, des
Antimykotikums Itraconazol, in einer Dosis von einmal täglich 200 mg während
zehn Tagen zu einem Anstieg des Cerivastatin-Plasmaspiegels im
Fliessgleichgewicht um 38%, ohne die Sicherheit oder Verträglichkeit zu
beeinflussen.
Mibefradil
Bei 12 gesunden Probanden, die neben einmal täglich 100 mg Mibefradil im
Fliessgleichgewicht zusätzlich Einzel- und Mehrfachdosen von 0,3 mg Lipiqol
erhielten, konnte aufgezeigt werden, dass zwischen Mibefradil, einem
Kalziumkanalblocker mit CYP-3A4-Hemmungspotential, und Cerivastatin keine
pharmakokinetische Interaktion auftritt.
Bei anderen Medikamenten (z.B. Nefazodon) und verbreiteten Substanzen (wie
Grapefruitsaft), die CYP 3A4 hemmen, sind ähnliche Resultate zu erwarten.
Es ist nicht bekannt, wie sich CYP-3A4-Induktoren, z.B. Rifampicin oder
Phenytoin, auf die Pharmakokinetik von Cerivastatin auswirken.
Ciclosporin
Bei nierentransplantierten Patienten, die mit Ciclosporin und anderen
Immunsuppressiva behandelt wurden, führte die gleichzeitige Verabreichung von
einmal täglich 0,2 mg Lipiqol zu einer drei- bis fünffachen Erhöhung des
Plasmaspiegels von Cerivastatin. Die Elimination von Cerivastatin wurde nicht
beeinflusst, und bei Mehrfachdosen trat keine Akkumulation auf. Cerivastatin
hatte bei diesen Patienten keinen Einfluss auf den Vollblutspiegel von Ciclosporin
im Fliessgleichgewicht.
Aufgrund der erhöhten Cerivastatin-Exposition sollte bei Patienten, die mit
Ciclosporin behandelt werden, die Therapie mit Lipiqol nach den niedrigsten
Dosierungsanweisungen eingeleitet werden. Die anschliessende Titrierung muss
vorsichtig erfolgen und sorgfältig überwacht werden.
Wie auch bei anderen HMG-CoA-Reduktaseinhibitoren besteht die Möglichkeit
einer Myopathie, wenn gleichzeitig Nikotinsäure, Fibrate, Ciclosporine oder
Azolantimykotika verabreicht werden. Über eine Rabdomyolyse unter Cerivastatin
(mit oder ohne akutes Nierenversagen) wurde bisher nur in der Kombination mit
Gemfibrocil berichtet.
Wirkstoffe zur Gallensäurebindung
Die Verabreichung von 12 g Colestyramin eine Stunde vor dem Abendessen sowie
von 0,3 mg Lipiqol eine oder vier Stunden nach diesem Abendessen führte zu
einer Abnahme der AUC von Cerivastatin um 16% bzw. 8%.
Gallensäuresezernierende Medikamente
Lipiqol sollte mehrere Stunden, mindestens jedoch eine Stunde nach einem
Ionenaustauscher (z.B. Colestyramin) verabreicht werden, um eine Interaktion
durch Bindung an das Harz zu vermeiden.
Medikamente, welche den Plasmaspiegel nicht beeinflussen
Bei der gleichzeitigen Verabreichung von Antazida, Omeprazol, Nifedipin, Digoxin
und Warfarin wurde der Plasmaspiegel von Cerivastatin nicht beeinträchtigt.
Überdosierung
Es bestehen keine Erfahrungen mit Cerivastatin-Überdosierungen und es sind
keine spezifischen Gegenmittel gegen Cerivastatin bekannt. Eine Überdosierung
ist symptomatisch und mit geeigneten unterstützenden Massnahmen zu
behandeln.
Eine Dialyse wird die Clearance von Cerivastatin kaum erhöhen, da die Substanz
extensiv (99%) an Plasmaproteine gebunden ist. Eine Membran-Plasmatrennung
könnte eine angemessene Methode sein.
Sonstige Hinweise
Das Medikament darf nur bis zu dem auf dem Behälter mit «EXP» bezeichneten
Datum verwendet werden und soll trocken und nicht über 25 °C gelagert werden.
Lipiqol ist für Kinder unzugänglich aufzubewahren!
IKS-Nummern
55607
Packungen
Lacktabletten zu 0,1, 0,2, 0,3 und 0,4 mg: 28* und 98*. [B]
* kassenzulässig per 1. 1. 2001.
Stand der Information: Januar 2000
D/USA/EU/Gesundheit/Chemie/Pharma/Unternehmen
Presse: Lipobay-Entwickler hält an Medikament fest =
Berlin, 11. August (AFP) - Der Entwickler des Cholesterin-Medikaments
Lipobay hält trotz der Todesfälle an dem umstrittenen Mittel fest. "Ich selbst
nehme auch Lipobay und habe keine Bedenken", sagte Reiner Ziegler der "Welt am
Sonntag." Auch in seiner Familie und von Freunden werde das Medikament
eingenommen. Er vertraue Lipobay und hoffe, dass er auch in Zukunft noch an
das Medikament komme, ergänzte Ziegler.
Bayer hatte das Medikament, das als eines der umsatzstärksten des Konzerns
galt, am Mittwoch vom Markt genommen. In den USA gehen die Behörden 31 Fällen
nach, in denen Patienten nach der Behandlung mit Baycol/Lipobay an
Muskelschwäche gestorben sein könnten. In Deutschland bringt das
Bundesinstitut für Arzneimittel vier Todesfälle mit Lipobay in Verbindung.
Außerdem gibt es 90 Verdachtsfälle, bei denen das Medikament zur Auflösung des
Muskelgewebes geführt haben könnte.
Nach den Worten Zieglers war schon lange bekannt, dass der
Cholesterinsenker Muskelschwäche hervorrufen kann. Ebenso sei bekannt gewesen,
dass Lipobay nicht mit Gemfibrozil, einem anderen Blutfett senkenden
Wirkstoff, kombiniert werden durfte. "Auf die Nebenwirkungen haben wir bei den
Anträgen auf Zulassung hingewiesen und auch im Beipackzettel war dies deutlich
hervorgehoben."
In den USA sei als Startdosis teilweise die höchste Dosierung verordnet
worden, was gegen die Empfehlung im Beipackzettel war. Ob Ärzte daher
schlampig verordnet hätten, wollte Ziegler nicht sagen: "Dazu müssten erst die
einzelnen Fälle genau analysiert werden."
Ziegler leitete laut der Zeitung von 1989 bis 1998 im Auftrage des
Pharmakonzerns Bayer ein Projektteam von 20 bis 100 Experten, die das
Medikament entwickelten. Es sei an 2800 Patienten bis zur Erstzulassung
getestet worden. Laut Ziegler arbeitet Bayer derzeit an der Entwicklung neuer
Cholesterin senkender Mittel.
D/Gesundheit/Chemie/Pharma/Unternehmen/KORR
"Medikamente werden wie Seife auf den Markt geworfen."
- Kritiker sehen in "Scheininnovationen" ein Risiko
Von Carsten Hauptmeier =
Berlin, 17. August (AFP) - Der Vermarktungsstopp eines einzigen Medikaments
hat das deutsche Gesundheitswesen in Aufruhr versetzt. Seit Bayer seinen
Cholesterin-Senker Lipobay zurückgezogen hat, steht das gesamte System von der
Zulassungspraxis bis zur Industrie auf dem Prüfstand. Auch die allgemeine
Verschreibungspraxis der Ärzte wird kritisch begutachtet. Denn Lipobay ist nur
eins von schätzungsweise 50.000 Medikamenten in Deutschland: Kritiker sehen
vor allem in dieser Vielzahl von Arzneimitteln ein Risiko für die Patienten.
"Medikamente werden wie Seife auf den Markt geworfen", moniert Philipp
Mimkes von der "Coordination gegen BAYER-Gefahren". Der Grund liegt aus seiner
Sicht darin, dass Firmen eigene Mittel entwickeln wollen, wenn die Konkurrenz
beispielsweise mit einem Cholesterin-Senker erfolgreich ist. Dabei kämen auch
"zweifelhafte oder unwirksame Mittel" auf den Markt. Der Pharmakologe Peter
Schönhöfer sieht in der Vielzahl von Medikamenten ebenfalls ein
grundsätzliches Problem: Es gebe zu viele "Scheininnovationen", klagt der
Mitherausgeber des kritischen Bulletins "arznei-telegramm". Schönhöfer glaubt,
dass 5000 Arzneimittel "mehr als ausreichend" seien. Der Gesundheitsexperte
des "Verbraucherzentrale Bundesverband" (vzbv), Thomas Isenberg, erinnert
zudem daran, dass von 50.000 Medikamenten mehr als 15.000 noch nie nach
geltendem Recht auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit getestet worden seien.
Eine erste Hilfe würde nach Ansicht des Verbraucherschützers Isenberg eine
so genannte Positivliste sein. Auf dieser bereits seit Jahren geforderten
Liste sollen verordnungsfähige Arzneien aufgelistet werden. Auch die AOK
plädiert für eine solchen Schritt. Ein Sprecher der Krankenkasse will aber
gerade im Fall Lipobay auch die Ärzte nicht aus der Verantwortung entlassen:
Die Cholesterin-Senker, die wie Lipobay zur Gruppe der so genannten Statine
gehörten, seien nur für Schwerstkranke geeignet. In den vergangenen Jahren
seien die Verordnungen aber "sichtbar explodiert". Teilweise seien die Mittel
trotz ihrer Nebenwirkungen zu "Life-style-Medikamenten" geworden, mit denen
Defizite der Lebensführung ausgeglichen werden sollten.
Der Präsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft, Theodor
Dingermann, bemängelt ebenfalls die Verschreibungspraxis einzelner Ärzte -
allerdings aus einem anderen Grund: Die meisten Komplikationen mit Lipobay
seien durch Anwendungsfehler entstanden, sagt Dingermann. Hintergrund sind
Wechselwirkungen des Mittels mit anderen Medikamenten. So wies Bayer in seinen
Beipackzetteln ausdrücklich darauf hin, dass der Cholesterin-Senker nicht
zusammen mit dem Wirkstoff Gemifrobizil verschrieben werden solle. Dingermann
betont, er wolle den Ärzten nicht pauschal einen Vorwurf machen. Er wolle nur
die Diskussion zurechtrücken und klar machen, dass die Industrie nicht als
alleiniger Verursacher hingestellt werden könne.
Dingermann will auch den Vorwurf, die Marktzulassung von Lipobay sei wegen
bereits vorhandener Cholesterin-Senker unnütz gewesen, nicht gelten lassen:
Der enthaltene Wirkstoff Cerivastatin sei "deutlich potenter" als diejenigen
anderer Mittel gewesen. Das Medikament habe ein "dramatisch gutes Potenzial"
gehabt. Dieses hätte Lipobay vermutlich auch entfalten können, wenn es schon
eine Positivliste gegeben hätte: Nach den Worten Dingermanns befand sich das
Bayer-Produkt auf einem ersten Entwurf einer solchen Liste.
cax/mre
D/USA/Gesundheit/Justiz/Chemie/Pharma/Unternehmen
Bayer-Kritiker fordern Reform der Medikamenten-Aufsicht =
Düsseldorf, 17. August (AFP) - Kritiker des Bayer-Konzerns haben eine
grundlegende Reform der Medikamenten-Aufsicht in Deutschland gefordert. Die
Aufsichtsbehörden müssten mit mehr Geld und Kompetenzen ausgestattet werden,
um Nebenwirkungen von Medikamenten systematisch zu erfassen und risikoreiche
Mittel vom Markt nehmen zu können, erklärte ein Sprecher der "Coordination
gegen BAYER-Gefahren" am Freitag in Düsseldorf. "Die Tatsache, dass Bayer eine
kritische Studie zu Lipobay über Monate zurückhalten konnte, sagt alles über
das Kräfteverhältnis zwischen Pharmaindustrie und Aufsichtsbehörden."
Das Bundesgesundheitsministerium hatte dem Bayer-Konzern am Donnerstag
vorgeworfen, die Behörden erst mit fast zweimonatiger Verspätung über die
Gesundheitsrisiken des Cholesterinsenkers Lipobay informiert zu haben. Diesen
Vorwurf wies Bayer zurück. Die "Coordination gegen BAYER-Gefahren" setzt sich
seit 1978 kritisch mit den Aktivitäten des Pharmakonzerns auseinander.
löw/mre
D/Gesundheit/Chemie/Pharma/KORR
Die Deutsche Arznei-Überwachung: ein kontroverses Thema
- Verbraucherschützer fordern Reform des Zulassungsverfahrens
Von Carsten Hauptmeier =
Berlin, 16. August (AFP) - Die Prognose des Pharmakologen Peter Schönhöfer
nach dem Verkaufsstopp von Bayers Cholesterinsenker Lipobay klingt
beunruhigend: "Wir werden weitere solche Fälle erleben", glaubt der
Mitherausgeber des kritischen "arznei-telegramms". Der Grund liegt für ihn auf
der Hand: Medikamente würden auf Druck der Industrie zu schnell zugelassen,
sagte Schönhöfer in der ARD. In Deutschland ist das Bundesinstitut für
Arzneizmittel und Medizinprodukte (BfArM) für die Zulassung von Medikamenten
zuständig. Die Bundesbehörde sah sich deshalb wegen der mit Lipobay in
Verbindung gebrachten Todesfälle kritischen Fragen ausgesetzt. Am Donnerstag
entlastete das Bundesgesunheitsministerium das Institut aber im Fall Lipobay
und warf stattdessen dem Leverkusener Pharmariesen eine "unakzeptable
Informationspolitik" vor.
Die Stimmung von BfArM-Leiter Harald Schweim dürfte sich nach diesem Urteil
wieder aufgehellt haben, nachdem er am Vormittag noch Schlagzeilen wie
"Kontrolleure in der Kritik" in der Zeitung lesen durfte. Der schwarze Peter
war nach diesem Nachmittag nämlich nicht mehr bei den Bonner Prüfern, sondern
wieder beim Bayer-Konzern. Das BfArM habe im Zusammenhang mit Lipobay "neue,
die Sachlage ändernde Informationen" erst am 10. August erhalten, erklärte der
Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Klaus Theo Schröder. Erst an
diesem Tag habe das Institut auf Nachfrage eine neue Studie von Bayer vom 15.
Juni erhalten.
Während das Prüfungsinstitut in diesem Fall die volle Rückendeckung aus der
Politik erhielt, werden von Verbraucherschützern grundsätzliche Vorwürfe gegen
das derzeitige Zulassungsverfahren erhoben: Der Gesundheitsexperte des
"Verbraucherzentrale Bundesverband" (vzbv), Thomas Isenberg, verlangt etwa
eine größere Transparenz bei den Verfahren. Deshalb sollten an den
Prüfungsschritten auch Verbraucherschützer beteiligt werden. Er setzt sich
zudem dafür ein, viel genauer als heute hinzuschauen, wenn ein Medikament auf
dem Markt ist. Dafür müssten Zentren eingerichtet werden, an denen Erfahrungen
von Kliniken, Ärzten und Patienten zu Neben- oder Wechselwirkungen von
Medikamenten gesammelt würden, sagt Isenberg.
Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) versicherte am
Donnerstag im Namen der Konzerne, diese wollten an der vom
Gesundheitsministerium geplanten Überprüfung des Informationssystems für die
Arzneimittelüberwachung "aktiv" mitarbeiten. Allerdings mühte sich der Verband
auch wortreich darauf hinzuweisen, dass die Arzneimittelsicherheit schon jetzt
ein "herausragendes Thema" sei. Die VFA-Geschäftsführerin Cornelia Yzer
verwies zudem darauf, dass es im Schnitt zehn bis zwölf Jahre dauere, bis ein
Medikament in Deutschland zugelassen werde. Die Risiken, die diese Mittel
danach selbstverständlich noch immer haben können, kommentierte sie mit den
Worten: "Bei der aktuellen Diskussion über die nie gänzlich auszuschließenden
Risiken von Arzneimitteln darf deren unbestrittener Nutzen nicht vergessen
werden." BfArM-Leiter Schweim stellte knapp fest: "Es ist leider so, dass
Menschen durch Arzneimittel sterben können."