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M E D I Z I N

Das Studium als Patient

Angehende Mediziner sollen praxisnäher studieren. Deshalb will die Bundesgesundheitsministerin eine neue Approbationsordnung für Ärzte durchsetzen

Von Achim Wüsthof

Der Brief aus England löste im Bundesgesundheitsministerium Besorgnis aus. Der Direktor eines britischen Krankenhauses schrieb darin, dass er keine deutschen Medizinstudienabgänger mehr einstellen würde - wegen ihrer schlechten praktischen Fähigkeiten. Die Absolventen wüssten zwar viel, doch nütze ihnen das wenig im Umgang mit Patienten.

Die an Praxisferne krankende Ausbildung der Mediziner will jetzt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) reformieren. Noch in dieser Legislaturperiode will sie dazu eine neue Approbationsordnung für Ärzte durchsetzen. Der Ärztenachwuchs soll danach weniger Formeln pauken und schon im Studium mehr Erfahrung am Krankenbett sammeln. Dadurch wird die so genannte AiP-Zeit überflüssig. Derzeit muss noch jeder Studienabsolvent 18 Monate lang schlecht bezahlt als "Arzt im Praktikum" arbeiten.

Schon seit Jahren soll das Medizinstudium modernisiert werden. Doch bisher scheiterten die Bemühungen hauptsächlich an politischen Querelen. Seit 1997 schmort im Bundesrat ein Reformentwurf, in dem oft das Zauberwort "praxisnah" auftaucht. Vorgesehen ist eine stärkere Verzahnung von theoretischen und klinischen Studienabschnitten; auch sollen die Gruppen für den praktischen Unterricht am Patienten kleiner werden.

Ein großes Problem: die Studentenzahl. "Wir müssen die Zahl der Studenten reduzieren, bei gleich vielen Ausbildern und unveränderter finanzieller Zuwendung", sagt Heinz Hage, Referent für Ausbildungsfragen vom Bundesministerium für Gesundheit. Nach den ursprünglichen Plänen, noch vom Gesundheitsminister der Kohl-Regierung, Horst Seehofer (CSU), auf den Weg gebracht, sollte die Zahl der Studienplätze für das Fach Medizin um 20 Prozent schrumpfen. Der Hintergedanke: Gibt es weniger Ärzte, entstehen geringere Kosten im Gesundheitswesen. Im Gesundheitsministerium verweist man lieber auf die Bemühungen um die Qualität des Medizinstudiums.

Gleichzeitig tobt ein Kampf mit den Kultusministern der Länder - und da geht es ganz offen um die Finanzen. Denn die Fördermittel für die Universitäten orientieren sich an der Studentenzahl. Wird sie kleiner, fließt weniger Geld. "Ich denke, dass wir uns auf eine Absenkung um zehn Prozent einigen können", sagt Hage. Nur so könnten die geplanten Verbesserungen umgesetzt werden. Die ablehnende Haltung der Kultusminister gegenüber der Entschlackung des Medizinstudiums hat auch juristische Gründe. Von Verletzung des Grundgesetzes ist sogar die Rede, die Freiheit der Berufswahl sei dann noch weniger als bisher garantiert. Abgewiesene Studenten könnten einen Platz einklagen, mit der Begründung, die Universität hätte ihre Kapazitäten nicht voll ausgeschöpft.

Ärztemangel oder Ärzteschwemme?

Auch ist weiterhin unklar, wie viele neue Mediziner Deutschland überhaupt braucht. Einige Experten prangern die Ärzteschwemme an - sie sei schuld an den hohen Ausgaben im Gesundheitswesen und mache die Bevölkerung doch nicht gesünder; andere warnen indes vor dem Ärztemangel. Thomas Kopetsch, Leiter der Abteilung für Statistik der Bundesärztekammer, befasst sich in einer neuen Studie genau mit diesem Widerspruch. Die Ergebnisse weisen eindeutig auf einen Mangel an Fachärzten hin - hauptsächlich in Ostdeutschland. "Der Arztberuf verliert wegen der schlechten Arbeitsbedingungen an Attraktivität, und deshalb wandern viele in alternative Berufsfelder ab", sagt Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Klinikärzteverbandes Marburger Bund. Seinen Schätzungen zufolge verlieren Praxen und Krankenhäuser jährlich an die 6000 Doktoren im besten Alter. Die frustrierten Mediziner würden lieber in der Biotechnologie, als Berater oder in der Politik arbeiten. Zusätzlich gibt es Hinweise dafür, dass die Zahl der Studienwechsler und -abbrecher im Fach Medizin in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.

Diesem Trend wollen die Reformstudiengänge in Berlin und an der Privatuniversität Witten-Herdecke entgegensteuern, indem sie die Lust am Medizinstudium wieder wecken. "Zwei Drittel der Studenten, die sich bei uns anmelden, möchten in den neuen Zweig", sagt Walter Burger, der Leiter der Arbeitsgruppe Reformstudiengang an der Charité in Berlin. Ein Losverfahren entscheidet, ob die Studienbewerber nach herkömmlichem oder neuem System Medizin studieren. Im Reformstudiengang werden die vorgesehenen Verbesserungen in Richtung Praxisnähe, von der die Ministerin Ulla Schmidt derzeit träumt, noch weit übertroffen. Statt sich mit Chemieformeln herumzuschlagen und Muskelnamen auswendig zu lernen, befassen sich die Studenten der neuartigen Ausbildung schon in den ersten Wochen zum Beispiel mit einem Knochenbruch - und das sehr umfassend: von der Anatomie, der Physiologie, den Reparaturmechanismen der Zellen bis zum Eingipsen oder zu den psychischen Belastungen des Patienten. Problemorientiertes Lernen (POL) nennt sich diese neue Philosophie. "Wir wollen die Neugierde wecken und kritische Ärzte ausbilden, damit sie sich besser in der Datenüberflutung zurechtfinden", sagt Burger. Vor allem Biostatistik, Kommunikation und Erkenntnistheorie kämen im herkömmlichen System viel zu kurz. Auch das Zusammenspiel mit den unterschiedlichen Disziplinen müsse dringend gefördert werden.

Wer später Chirurg wird, sollte früh von Psychologen lernen, wie delikate Aufklärungsgespräche am besten geführt werden. In Berlin gibt es Simulationspatienten, bei denen die Studenten durch Befragung die richtige Diagnose herausfinden müssen.

Dieser praktische Teil wird auch geprüft, doch dafür müssen ganz neue Ideen gefunden werden. Deshalb fordert Burger eine größere Flexibilität bei der Gestaltung von Prüfungen. "Multiple Choice ist die dümmste denkbare Form der Beurteilung", kritisiert der Professor die jetzige Praxis. Als Modellversuch läuft der neue Studiengang jetzt im dritten Jahr. Bis zum 10. Semester, wenn eine Staatsprüfung vorgesehen ist, werden die Studenten nur fakultätsintern benotet. Doch selbst im eigenen Haus gibt es Kritik: "Ich habe Befürchtungen, dass die Studierenden mehr das lernen, was sie wollen, und nicht unbedingt das, was sie brauchen", moniert Burkhard Danz, Leiter der Studienabteilung der Charité. Auch wisse er nicht, ob sich der hohe Betreuungsaufwand tatsächlich lohne. Eins steht fest: Momentan könnte der Reformstudiengang schon allein aus Kostengründen nicht auf die gesamte Fakultät ausgeweitet werden.

Mehr Freiheit für die Universitäten

"Eine qualitativ hochwertige Ausbildung von Medizinern ist in einem Massenbetrieb nicht möglich", sagt Frank Hensel, Referent der Bundesärztekammer für ärztliche Aus-und Weiterbildung. Herzen abhören, Gespräche führen oder die Logik diagnostischer Schritte lernt niemand im überfüllten Hörsaal. An den meisten Unis stehen sich die Studenten gegenseitig auf den Füßen und drängen sich um genervte Patienten. Wie schnell die neue Approbationsordnung das ändern kann, weiß bisher niemand.

Für Spitzenpädagogik wird dann vermutlich sowohl der Mut wie auch das Geld fehlen. Außerdem müssen viele Professoren noch von den Reformstudiengängen überzeugt werden, denn die Neugewichtung der Fächer - weniger Biochemie?, mehr Psychosomatik? - begeistert längst nicht alle. Doch Frank Hensel begrüßt die neuen Modelle: "Wir erhoffen uns, dass durch die neue Approbationsordnung die Gestaltungsfreiheit der Hochschulen wächst." Die unterschiedlichen Reformvorhaben führten zu einer gesunden Konkurrenz unter den Universitäten. Erst wenn die Lehre einen höheren Stellenwert bekäme, strengten sich auch die Professoren wieder mehr an.

Wie kompliziert die Reform des Medizinstudiums ist, zeigt sich nicht zuletzt beim Thema "Arzt im Praktikum". Junge Mediziner werden sich freuen, wenn ihnen eine neue Approbationsordnung die Durststrecke der AiP-Zeit erspart. Für die Universitäten und Lehrkrankenhäuser könnte das zum Problem werden. Nicht nur, dass sie höhere Gehälter zahlen müssten, sondern auch der Zuschuss, den sie für die Ausbildung der AiPler erhalten, fiele weg.

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