Schwindel Zurück
engl Bezeichnung + Abkürzungen
engl.: dizziness; giddiness; vertigo
Unter einem Schwindel im medizinischen Sinne versteht man eine Gleichgewichtsstörung oder ein Gefühl der drohenden Bewußtlosigkeit. Dabei wird das Wort vorwiegend für die subjektive Empfindung des Patienten reserviert.
Der Schwindel entsteht meist durch eine Diskrepanz zwischen den Informationen aus den einzelnen Sinnesorganen und Sinnessystemen. Insbesondere sind beim Schwindel
die Augen,
das Gleichgewichtsorgan, sowie
die Muskel- und Gelenkrezeptoren
beteiligt, die unterschiedliche Informationen liefern und so den Schwindel auslösen können. Auch die zentralen Verarbeitungsbahnen und - organe wie der Gleichgewichtsnerv oder das Kleinhirn können Ausgangspunkt für Schwindelempfindungen sein. Oft wird der Schwindel begleitet durch vegetative Reaktionen des Körpers wie Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbruch, Herzbeschleunigung und Kollaps.
Schwindel (lat. vertigo) ist neben dem Kopfschmerz das häufigste neurologische Symptom und ebenso vieldeutig. Es handelt sich dabei um ein so genanntes multisensorisches Syndrom, das durch eine gestörte Wahrnehmung verschiedener Sinne gekennzeichnet ist und mit dem Verlust der Körpersicherheit im Raum und dadurch hervorgerufenen Gleichgewichtsstörungen einhergeht.
In voller Ausprägung äußert sich Schwindel in der Wahrnehmung von Scheinbewegungen, in einer Störung der Funktion der Augenmuskulatur (Nystagmus), in einer Fallneigung sowie in Übelkeit und Erbrechen.
Er kann sowohl vorübergehend (episodisch) als auch andauernd auftreten.
Das Verb schwindeln stammt vom mittelhochdeutschen swindeln und dem althochdeutschen swintilon und bedeutete ursprünglich "in Ohnmacht fallen" ("schwinden"). Bereits im Althochdeutschen wurde es jedoch auch im unpersönlichen Sinne von "Schwindelgefühle haben", "mir schwindelt" gebraucht. Das Wort Schwindel gewann die Bedeutung "Taumel, Benommenheit".
Die zweite Bedeutung Schindel = Betrug entstand erst viel später.
Die Ursachen von Schwindel
Schwindel entsteht, wenn die Orientierung des Körpers im Raum gestört ist. Dies kann unterschiedlichste Gründe haben. Die wichtigsten Ursachen für Schwindelattacken sind:
Abweichung der Reize
Beim so genannten visuellen Schwindel melden die Augen Stillstand, während das Gleichgewichtsorgan im Ohr Bewegung wahrnimmt. Das ist beispielsweise der Fall, wenn Beifahrer während einer kurvigen Autoreise Zeitung lesen. Das Ohr fühlt die Dynamik der Fahrt, doch für die Augen sind der Innenraum des Wagens und auch das Papier völlig ruhig. Die Differenz dieser beider Empfindungen kann im Gehirn Übelkeit und Schwindel auslösen.
Psychische Leiden
Forscher fanden vor kurzem heraus, dass rund die Hälfte aller Schwindelattacken durch die Psyche verursacht werden. Ängste und starke seelische Belastungen wie zum Beispiel beim Tod eines Verwandten oder nach einem Unfall spielen beim so genannten phobischen Schwankschwindel eine große Rolle. Schweißausbrüche, Mundtrockenheit, Herzrasen, Engegefühle, Atemnot und Leeregefühl im Kopf treten häufig als weitere Symptome auf. Da die Diagnose keine körperlichen Leiden anzeigt, bleiben beim psychogenen Schwindel die Ursachen oft unerkannt. Die Folge: Der Schwindel wird falsch behandelt.
Verrutschte Kalziumsteinchen
Die so genannten Bogengänge in unserem Gleichgewichtsorgan sind mit Flüssigkeit gefüllte Schläuche. Darin befinden sich Sinneshaare, die wie Seegras im Wasser schwanken. Auf einigen von ihnen liegen kleine Kalziumsteine, die durch ihre Trägheit die Bewegungen unseres Körpers übertragen. Verrutschen diese Steine durch eine ruckartige Bewegung und lenken dabei die Sinneshaare übermäßig aus, erhält das Gehirn die Information, dass wir uns schnell drehen. Dabei haben wir uns beispielsweise nur im Bett umgedreht. Die Folge: Lagerungsschwindel. Weitere Symptome sind Übelkeit sowie eine Hör- und Gleichgewichtsstörung.
Menière-Krankheit (Morbus Menière)
Sie entsteht, wenn Zellen im Innenohr zu viel Gewebeflüssigkeit produzieren. Es kommt zu einem Überdruck, durch den Membranen reißen. Typische Symptome sind Drehschwindel, Druckgefühl im Ohr, Übelkeit, verschlechtertes Hören oder gar Hörverlust, Ohrensausen und Brummen. Da die Beschwerden oft etwa nach einer halben Stunde wieder völlig abklingen, verzichten viele Betroffene darauf, zum Arzt zu gehen. Das ist ein Fehler, denn unbehandelt können dauerhafte Schäden zurückbleiben.
Infektionen
Virusinfektionen können einen einseitigen Gleichgewichtsausfall (Neuritis vestibularis) verursachen. Infektionen im Innenohr und Entzündungen der Nasennebenhöhlen können ebenfalls zu Schwindelanfällen führen.
Organische Erkrankungen
Schwindel kann auch die Folge organischer Leiden wie Diabetes, Hirntumoren und Erkrankungen der Blutgefäße sein.
Herz-Kreislauf-Störungen
Zu niedriger, zu hoher oder stark schwankender Blutdruck, Durchblutungs- und Herzrhythmusstörungen können zu Schwindelanfällen führen. Bei einem Schlaganfall tritt starker Schwindel mit Kopfschmerzen auf.
Medikamente
Hin und wieder führen Rheuma-, Beruhigungs- und Schlafmittel sowie Arzneien gegen Krampfanfälle und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu Schwindelattacken
Anamnesefragen
Körperliche Untersuchung
Labor
Sonstige Verfahren
Differential Diagnostik
Bereits aus der Krankheitsgeschichte (Anamnese) kann der Arzt wichtige Informationen für die Diagnose ziehen. Wann haben die Schwindelattacken begonnen, wie laufen sie ab und wie lange dauern sie? Begleitende Symptome haben große Bedeutung. Treten gleichzeitig Erstickungsangst, Herzbeschwerden oder Kopfschmerzen auf? Um zu ergründen, ob der Schwindel psychisch bedingt ist, fragt der Arzt nach den Lebensumständen des Patienten.
Klinische Untersuchungen sollen zeigen, wie der Patient Körperbewegungen und die eigene Lage im Raum wahrnimmt. Der Arzt achtet insbesondere auf
die Augenstellung beim Blick geradeaus sowie bei abgedeckten Augen
die Geschwindigkeit der Augenbewegung
die Genauigkeit beim vertikalen und horizontalen Umherblicken
und auf unwillkürliche Augenbewegungen.
Außerdem führt er Gang- und Standproben mit offenen und geschlossenen Augen durch. Das erlaubt Rückschlüsse darauf, ob das Gleichgewichtssystem gestört ist. Bei phobischem Schwankschwindel macht eine Psychologin einen so genannten Hyperventilations-Provokationstest. Dieser zeigt den Patienten, dass sie selbst die Schwindelanfälle auslösen und deshalb deren Auftreten direkt beeinflussen können.
Apparative Zusatzuntersuchungen sind nur dann erforderlich, wenn Anamnese und klinische Untersuchungen für eine Diagnose nicht ausreichen. Eine geeignete Untersuchungsmethode ist die Elektronystagmographie (ENG), mit der die Geschwindigkeit der Augenbewegung bestimmt wird. Beim kalorischen Test werden die äußeren Gehörgänge mit 30 bis 44 Grad warmem Wasser gespült. Das liefert Hinweise auf Funktionsstörungen des Gleichgewichtsorgans. Bildgebende Verfahren dienen dazu, den Verdacht auf Tumoren oder Entzündungen abzuklären.
Gleichgewichtstest
Die Behandlung von Schwindel erfordert Geduld, da es oft nicht möglich ist, die akuten Symptome zu bekämpfen. Die Bekämpfung der Grundkrankheit steht daher meist im Vordergrund.
Psychogener Schwindel, beispielsweise phobischer Schwankschwindel, wird mit einer Psychotherapie bekämpft. Der Patient lernt, wie er mit Schwindel auslösenden Situationen umgehen muss. Entspannungsübungen und die Einnahme der Präparate Imipramin und Clomipramin wirken aktivierend und stimmungsaufhellend.
Lagerungsschwindel wegen verrutschter Kalziumsteinchen wird durch bestimmte Lagerungsmanöver beseitigt. Kopfbewegungen in verschiedene Richtungen bewirken, dass die Steinchen wieder in ihre ursprüngliche Lage zurückrutschen. Bereits nach wenigen Tagen hat der Patient keine Beschwerden mehr.
Der erhöhte Druck im Innenohr, den die Menière-Krankheit auslöst, behandelt der Arzt mit Infusionen. Sind die Symptome besonders hartnäckig, so wird das Antibiotikum Gentamycin durch das Trommelfell eingespritzt, um den Wasserdruck zu senken. In manchen Fällen schneidet der HNO-Arzt ins Trommelfell einen kleinen Schlitz, durch den der Druck im Innenohr entweichen kann. Die Öffnung hält er mit einem Stück Silikonfolie offen.
Infusionen sind auch bei der Virusinfektion Neuritis vestibularis die Mittel der Wahl, außerdem die Einnahme von Kortison. Übungen wie Kopf- und rasche Kippbewegungen schulen das Gleichgewichtssystem.
Was Sie selbst tun können
Bei einer Schwindelattacke sollten Sie sich hinlegen und die Beine hochlegen. Ist der Schwindel auf eine morgendliche Kreislaufschwäche zurückzuführen, so kann eine Tasse Kaffee hilfreich sein. Grundsätzlich gilt: Bei Schwindelanfällen, die länger anhalten oder wiederkehren und deren Ursachen nicht ersichtlich sind, sollten sie unbedingt zum Neurologen oder zum HNO-Arzt gehen. Vor allem dann, wenn neben dem Schwindel Begleitsymptome auftreten. Bedenken Sie: Es könnte auch eine andere, ernste Krankheit dahinterstecken.
Es ist sehr wichtig, dass Sie dem Arzt den Schwindelcharakter genau beschreiben können. "Je nachdem, wann der Schwindel auftritt und wie lange er anhält, kann der Arzt wichtige Rückschlüsse auf die Ursache ziehen. Deshalb ist es wichtig, dass die Patienten ihre Anfälle genau beobachten", rät Rainer Jund vom Klinikum Großhadern in München. Notieren Sie die Tageszeit, Häufigkeit, Dauer und Situationen der Anfälle und beschreiben Sie exakt das Gefühl. Oft ist mit diesen Angaben schon eine Diagnose möglich.
Bücher:
von Dr.Thomas Lempert
Schwindel : Was steckt dahinter ?
Serie Piper 1932 , 1994
Schönes kleines Büchlein über den Schwindel leider nicht mehr im Handel, aber vielleicht gibt es das Buch noch im Antiquariat: sehr empfehlenswert.
Thomas Lempert: Wirksame Hilfe bei Schwindel, TRIAS-Verlag, ca. 20 Mark
Karl-Friedrich Hamann: Schwindel - Alarmzeichen für verborgene Krankheiten, TRIAS-Verlag, ca. 25 Mark
W. Stoll: Schwindel und Gleichgewichtsstörungen, Thieme-Verlag, ca. 100 Mark
Brandt, T: Vertigo
-SPRINGER, BERLIN- 2000 419.00 DM sofort lieferbar
Cesarani, A: Vertigo and Dizziness Rehabilitation
-SPRINGER, BERLIN- 1999 79.00 DM sofort lieferbar
Diener, H: Schwindel
-MEDPHARM SCIENTIFIC PUBLISHERS- 1991 29.00 DM sofort lieferbar
Differentialdiagnose Schwindel
-SPRINGER, BERLIN- 1998 128.00 DM sofort lieferbar
Füsgen, I: Vertigo, Schwindel
-URBAN & VOGEL- 1998 36.00 DM sofort lieferbar
Haid, C: Schwindel und Gleichgewichtsstörungen
-ULLSTEIN MEDICAL- 1997 34.00 DM sofort lieferbar
Hamann, K: Schwindel
-TRIAS- 1995 22.80 DM sofort lieferbar
Lempert, T: Wirksame Hilfe bei Schwindel
-TRIAS- 1999 19.90 DM sofort lieferbar
Scherer, H: Das Gleichgewicht
-SPRINGER, BERLIN- 1996 219.00 DM sofort lieferbar
Schneider, E: Achtung Kiefergelenk hört mit
-WIRBEL- 1995 39.80 DM sofort lieferbar
Schwindel und Gleichgewichtsstörungen
-THIEME, STUTTGART- 1998 99.00 DM sofort lieferbar
Schwindel, psychosomatisch gesehen
-PROFIL VERLAG- 1999 29.80 DM 2-4 Wochen
Weitere Informationen zum Thema Schwindel erhalten Sie im Internet bei der Neurologischen Klinik der Charité Berlin, der Deutschen Tinnitus-Liga e. V., der HNO-Klinik der Uni Lübeck und bei Menieres.org.
Auskünfte über Morbus Menière gibt es außerdem bei KIMM e. V., Kontakte und Infos für Morbus Menière, Kastanienweg 5, 71404 Korb, Telefon 0 71 51 / 6 41 13, Fax 0 71 51 / 60 05 99.
Diskussion und Fragen,Anmerkungen
Schwindel
engl.: dizziness; giddiness; vertigo
Unter einem Schwindel im medizinischen Sinne versteht man eine Gleichgewichtsstörung oder ein Gefühl der drohenden Bewußtlosigkeit. Dabei wird das Wort vorwiegend für die subjektive Empfindung des Patienten reserviert. Der Schwindel entsteht meist durch eine Diskrepanz zwischen den Informationen aus den einzelnen Sinnesorganen und Sinnessystemen. Insbesondere sind beim Schwindel die Augen, das Gleichgewichtsorgan, sowie die Muskel- und Gelenkrezeptoren beteiligt, die unterschiedliche Informationen liefern und so den Schwindel auslösen können. Auch die zentralen Verarbeitungsbahnen und - organe wie der Gleichgewichtsnerv oder das Kleinhirn können Ausgangspunkt für Schwindelempfindungen sein. Oft wird der Schwindel begleitet durch vegetative Reaktionen des Körpers wie Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbruch, Herzbeschleunigung und Kollaps.
Einteilung
Kreislaufschwäche die als Schwindel empfunden wird
Schwankschwindel
Drehschwindel
peripherer vestibulärer Schwindel = systematischer Schwindel
zentraler Schwindel
Bewegungsschwindel (Kinetose)
Es gibt verschiedene Ursachen für den Schwindel:
Hypotonie und Blutdruckabfall
Herzrhythmusstörungen
Morbus Meniere
Labyrinthitis
gutartiger Lagerungsschwindel
traumatischer Labyrinthausfall
Akustikusneurinom
Kleinhirntumor oder Kleinhirninfarkt
Untersuchungsmöglichkeiten beim Schwindel
Anamnese = Krankheitsvorgeschichte erheben
EKG-Schreiben
Herz-Kreislauf untersuchen
Nystagmusprüfung mit der Frenzelbrille
Labyrinthtestung
Gehörprüfung
CT
NMR
Neurologische Untersuchung
Focus:
Im Kopf dreht sich alles, der Boden schwankt unter den Füßen, und die Orientierung geht für kurze Zeit verloren. Ein Schwindelanfall, wissenschaftlich als Vertigo bezeichnet, macht einen Menschen geradezu handlungsunfähig. Nicht nur eine Fahrt in der Achterbahn oder übermäßiger Alkoholgenuss verursachen Schwindel - er kann auch psychisch bedingt sein oder durch körperliche Leiden hervorgerufen werden. "Schwindel kann vielfältige Ursachen haben, die von relativ harmlos bis ernst variieren", so Rainer Jund vom Münchner Uni-Klinikum Großhadern.
Etwa zehn Prozent der Bevölkerung erleben immer wieder Schwindelattacken, im höheren Alter sogar bis zu 30 Prozent - Frauen und Männer gleichermaßen. Dabei ist Schwindel nicht gleich Schwindel. Drehschwindel ruft das Gefühl hervor, dass sich der Grund und auch der eigene Körper drehen. Bei Schwankschwindel schaukelt scheinbar der Boden unter den Füßen, während der Liftschwindel dem Betroffenen vorgaukelt, zu sinken oder gehoben zu werden.