Klassische Darstellung der Hyperthyreose mit Exophthalmus (Morbus Basedow)
von 1840 zurück
Exophthalmusphtalmos durch Hypertrophie des Zellgewebes
in der Augenhöhle.
Wochenschrift für die gesamte Heilkunde 13,14 ( 1840)
Wochenschrift für die gesamte Heilkunde
Herausgeber : Dr. Casper
Mitredaction: Dr. Romberg , Dr. v. Stosch
Diese Wochenschrift erscheint jedesmal am Sonnabende in Lieferungen von 1, bisweilen 1 1/2 Bogen. Der Preis des Jahrgangs, mit den nöthigen Registern ist auf 3 2/3 Thlr. bestimmt, wofür sämmtliche Buchhandlungen und Postämter sie zu liefern im Stande sind. A.Hirschwald
No. 13. Berlin, den 28ten März 1840.
Ueber den Exophthalmus. Vom Dr. v. Basedow. - Die psychische Mitwirkung des Kranken zur Heilung gelähmter Glieder. Vom Dr. Reinhold. - Vermischtes. Von den Wundärzten Roscher und Rasch. - Krit. Anzeiger
Exophthalmos durch Hypertrophie des Zellgewebes in der Augenhöhle.
Mitgetheilt
vom Dr. v. Basedow , pract. Arzte in Merseburg.
Exophthalmos ist, unterscheidet man den Prolapsus bulbi durch
Lähmung des muskulösen Retentions-Apparates, immer nur ein Symptom
einer mit Anschwellung verbundenen Erkrankung der benachbarten weichen und
harten Umgebungen des Augapfels, der Osteomalacie, Periostitis, Exostosis,
der polyposen Erkrankung der Stirn-, Oberkiefer- und Nasen-Höhle, der
Tumores im Gehirn, der Balggeschwülste in der Orbita, der Scirrhen der
Glandula lacrymalis, der traumatisch-ecchymotischen und inflammatorischen
Anschwellung des Zellgewebes der Orbita.
Ich habe aber Gelegenheit gehabt, mehrmals Exophthalmos
zu beobachten , der durch noch anderartige Erkrankung des Zellgewebes in
der Orbita vermittelt wurde, durch eine besondere Hypertrophie, die in Folge
einer Krankheit des Herzens und der großen Gefässstämme in
mehrern Drüsen- und Zellgewebs-Parthieen zu bestehen
schien.
Nach Durchsuchung einer freilich nicht umfangsreichen
mir zur Hand stehenden ophthalmologischen Literatur reihen sich meine Fälle
nur folgenden frühern Beobachtungen an. St.Yves ( Nouveau traité
des maladies des yeux. Paris 1722) führt in einem Kapitel : des amas
d´humeurs qui se font derrière le globe de l'aeil. drei Fälle
von derartigem Exophthalmos an : im ersten hielt er die Natur des Uebels
für scrophulös, und will eine drei Linien betragende Hervorragung
des Bulbus in drei Monaten durch Aethiops mineralis geheilt haben; im zweiten
Falle war schon eine Entzündung der Oberfläche des Augapfels ,
welcher die Lider weit voneinander drängte, eingetreten, St. Yves, der
das fettige Zellgewebe der Augenhöhle durch Infiltration angeschwollen
glaubte, heilte auch hier vollständig durch Venäsection an der
Vena jugularis, Calomel in grössern Gaben und Jalappe; im dritten Falle
desorganisirte, nachdem der Exophthalmos schon länger bestanden hatte,
der Bulbus endlich unter unerträglichen Schmerzen, so dass zur Exstirpation
geschritten wurde und vergisst hier St. Yves die Beschreibung des Inhaltes
der Orbita, so wie er auch überhaupt wenig von dem Allgemienbefinden
seiner Patienten mittheilt.
Louis entlehnt
(Mémoires de l'académie de chirurgie Tome XIII p.350) einen
Fall von Bonetus, wo bei entschiedener Bauch-Scrophel das rechte Auge aus
der Orbita weit hervorgetreten war und durch evacuirende antiscrophulöse
Behandlung, ohne alle örtliche Mittel, eine allmählige Abnahme
des Exophthalmos gewonnen wurde. Die Herausgeber des Traité des maladies
des yeux par A. Scarpa. Paris 1821 T. II p. 190 (Bousquet et Bellanger)
erwähnen in einer Note einen von Demours beobachteten Fall, wo bei einem
jungen scrophulösen Mädchen l'oeil gauche proéminoit d'une
ligne et demie, elle avoit une prédisposition à un engorgment
thyroidien et sa mère avoit un goitre.
Ganz neuerlich beschreibt
aber in den Heidelberger medic. Annalen 1837 3ter Bd. 2tes Heft Herr Dr.
Pauli zu Landau umständlicher eine merkwürdige Veränderung
in den Augen einer jungen Frau in Folge des Hydrophthalmos, wo eine
30jährige Blondine, Mutter mehrerer scrophulösen Kinder, 1831 an
der Ruhr erkrankte, in Folge welcher und anhaltender auf sie einwirkender
deprimirender Gemüthsaffecte, Cessatio mensium, Herzklopfen, Beklommenheit
der Brust, trockener Husten, verminderter Urin, Abgeschlagenheit der
Kräfte, Oedem der Füsse, Abendfieber mit brennender Hitze der
Hände und starke Abzehrung eintraten, während dem auch die Bulbi,
ohne alle Entzündung, aus den Augenhöhlen stier hervorgetrieben
wurden. Es fühlten sich hierbei die Bulbi gespannt an , waren schwerer
beweglich, die Cornea war etwas mehr als gewölbt, doch sonst natürlich
und ungetrübt, Iris normal, eben so die Pupille, nur etwas erweitert,
doch ganz beweglich, der Visus scharf, nur etwas kurzsichtig, zuweilen wurden
nur Gefühle der Spannung im Auge, sonst kein Schmerz geklagt. Auch nach
der gelungenen Besserung des Allgemeinleidens ( Digitalis) verblieb die
Hervorgetriebenheit der Augen, doch hat ihre Sehkraft immer noch nicht gelitten.
Es gleicht jedoch dieses von Herrn Dr. P. für Hydrops membranae Decemetti
gehaltene Augenleiden auch in seinem Ensemble mit dem Allgemeinleiden so
sehr den Fällen, welche ich von Exophthalmus in Folge einer besonders
strumösen Hypertrophie des Zellgewebes in der Orbita beobachtet habe,
dass ich den Fall für den hier in Rede gestellten Augenfehler zu vindiciren
nicht anstehe, und meine Rechtfertignung allein schon in der sogleich folgenden
Relation miener Beobachtungen zu geben gedenke.
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Madame G. lernte ich vor 14 Jahren als ein 19jähriges, noch sehr an scrophulösen Halsknoten leidendes, übrigens gesundes und wohlgebildetes Mädchen kennen. Nachdem sie mehrere Jahre verheirathet war wurde sie Mutter, erlitt zwei Jahre darauf eine Intermittens quartana mit Hepatitis, welche letztere wiederum von Icterus gefolgt war und eine bedeutende Intumescenz der Leber zurückliess, die als Ursache einer beginnenden Störung im kleinen Kreislaufe angesehen wurde. Nach allgemeinen und örtlichen Blutentziehungen und während des Eingreifens energischer Mercur-Inunctionen war es gelungen, die Intermittens durch Chinin zu heben, und schien das später angewandte Natrum carbonicum mit Solventia armara und Belladonna den Tumor der Leber beseitigt und eine recht leidliche Reconvalescenz herbeigeführt zu haben. Ein Jahr darauf erkrankte Madame G. aber wiederum sehr schwer an einem Rheumatismus acutus, welcher alle Gelenke durchwanderte, durch profuse Schweisse sehr schwächte, und endlich durch Sublimat, zu 1/16 Gran mit zwei Tropfen vinum sem. colchie alle drei Stunden, gehoben, Oedem der Unterschenkel, allgemeine Abmagerung, Amenorrhoe, Herzklopfen, Pulsfrequenz und Kleinheit, Brustbeängstigung und kurzen Athem zurückliess. Schon war aber auch eine bedeutende Hervortreibung der übrigens ganz gesunden und vollkommen sehkräftigen Augäpfel zugegen, dabei schlief die Kranke mit offenen Augen, hatte ein erschreckendes Aussehen, zeigte in ihrem Benehmen sich aufgeweckt und sorglos und war bald in der ganzen Stadt für wahnsinnig ausgeschrieen.
Eine gleichzeitig entstandene strumöse Anschwellung der Glandula thyroidea liess eine ähnliche Intumescenz des Zellgewebes hinter dem Bulbus vermuten, invitirte zur Anwedung des Jod und der Digitalis, wodurch auch in allen Beziehungen Besserung herbeigeführt wurde, die sich durch zwei neue Schwangerschaften in den darauffolgenden fünf Jahren noch vervollständigte, jedoch immer nicht so, dass nicht an der jetzt als Madame J. verheiratheten, noch ein kranker blasser Teint und zu weit geöffnete hervorstehende Augen auffällig wären.
Madame F, brünett, regelmässig gebaut, entschieden phlegmatischen Temperaments, erlitt als Kind schon öfters Anfälle von Rheumatismus articularis, in den Pubertäts-Jahren mehrmals Angina tonsillaris, verlor ihre Mutter an Carcinoma uteri, wurde im 14ten Jahre geregelt, verheirathete sich 1828 in ihrem 19ten Jahre, wurde Mutter, nährte selbst und machte 1830 nach der Entwöhnung ihres Knaben, und nachdem sich die Menses schon wieder eingefunden hatte, eine Reise zu ihren Eltern nach Leipzig. Sie erkrankte daselbst, fühlte Mattigkeit in den Gliedern, hatte anhaltendes Magendrücken, Beklemmung der Brust, und erlitt plötzlich zweimal in einem Tage einen Anfall von Vomitus cruentus, so stark, dass durch Depletion Besinnungslosigkeit, Ohnmachten und die grösste Lebensgefahr herbeigeführt schienen.Nach einer sechswöchentlichen Restauration kam sie jedoch, sich wieder sehr gesund fühlend, und in jeder Beziehung geregelt nach Merseburg zurück. 1831 im November gebar sie den zweiten Sohn, nährte denselben nicht selbst und blieb gesund, 1833 wurde sie von einer Tochter entbunden , welche sie 3/4 Jahr lang nährte, nach deren Entwöhnung sie durch einen Rheumatismus acutus febrilis sechs Wochen hindurch auf ein sehr schmerzhaftes Krankenlager geworfen wurde. Ihre Gesundheit schien jedoch vollkommen zurückgekehrt zu sein, sie wurde wieder Mutter eines vierten Kindes, nährte selbst, doch traten nach der Entwöhnung die Regeln nur sparsam wieder ein und wurden durch einen groben Diätfehler, welchen sie während einer Periode beging, ganz unterdrückt. Madame F. fühlte sich bald sehr matt, verfiel in hartnäckige Diarrhoe, hatte Nachtschweisse, magerte auffallend ab, wobei jedoch die Augäpfel aus der Orbita hervorzutreten anfingen. Die Kranke klagte dabei über Mangel an Athem, Brustbeängstigung, konnte jedoch tief einathmen, sie hatte einen sehr frequenten kleinen Puls ( an der linken Hand fehlt der Radial-Puls schon so lange als ich sie kenne ), einen klingenden Herzschlag, konnte die Hände nicht ruhig halten, sprach auffallend hastig, setzte sich ,weil sie sich immer sehr brennend heiss fühlte, gern mit blosser Brust und Armen der kalten Zugluft aus, zeigte eine unnatürliche Heiterkeit und Sorglosigkeit über ihren Zustand, ging und fuhr aus, ohne über das Auffallende ihrer Erscheinung in Gesellschaften genirt zu sein, sie befriedigte ohne Rücksichten ihre sehr starken Appetite, schlief gut, jedoch mit offenen Augen.
Im Sommer 1837 nahmen aber alle diese Symptome, nachdem ohne Erfolg ein Arzneigebrauch zur Wiedererweckung der Katamenien, zur Beseitigung des Erethismus, im kleinen Kreislaufe und zur Regulirung der Verdauung Statt gefunden hatte, an Intensität noch zu.
Arme, Hals, Brust, auch Brustdrüsen waren gänzlich abgemagert, der Leib ungewöhnlich voll und dick, er verrieth bei näherer Untersuchung durch die Percussion auf das bestimmteste keinen Tympanites, keinen hydropischen Inhalt, und wurden auch von dem untern Drittheil der Oberschenkel an die untern Extremitäten kolossal dick, doch nicht ödematös, das Zellgewebe vielmehr mit einer plastischen Sulze angeschoppt, welche manchmal bei Chlorosis angtroffen wird, auf Eindrücken keine Grube hinterlässt und auf Acupunctur kein Ausfliessen von Serum gestattet.
Am Halse zeigte sich eine strumöse Fülle der Schilddrüse, der Herzschlag war nun verbreitet, Erweiterung andeutend, Sägegeräusch in den Carotiden hörbar, der Puls noch frequenter und kleiner, die Hastigkeit der Sprache, die unnatürliche Heiterkeit der Patientin noch mehr gesteigert, die die Nachtschweisse sehr stinkend, Urin sparsam und roth, bei anhaltend lienterischen Ausleerungen der Appetit immer zu stark; was aber die Augen betrifft, so waren dieselben so weit hervorgetrieben, dass man unter und über der Cornea drei Linien breit die Albuginea sah, die Augenlider weit von einander getrieben waren, auch mit aller Anstrengung nicht geschlossen werden konnten, und die Kranke mit ganz offenen Augen schlief.
Der Stand der Bulbi war nicht abgeändert, die Bewegung etwas nach den Seiten erschwert, die Verhältnisse der Cornea und ihre Pellucidität, die Textur der Albuginea, die Stellung und Beweglichkeit der Iris waren ganz normal, die Pupille rein, man konnte den gespannt anzufühlenden Bulbus nicht zurückschieben, die Kranke klagte über Schmerzen eigentlich gar nicht, meinte nur, sie fühlte Spannung in den Augen , litt nur öfters an Thränenfluss und kleinen, auf die Bindehaut beschränkten, leicht zu beseitigenden, durch verhinderte Abkühlung des Auges entstandenen Entzündungen.Die Sehkraft der Augen war aber auch nicht im geringsten beeinträchtigt und nur, wie von Kindheit auf, Kurzsichtigkeit zugegen.
Schon lange hatte sich auch über diese Kranke das Gerücht in unserer Stadt verbreitet, sie sei verrückt, werde nächstens auf ein Irrenhaus gebracht und in der That gewährte sie auch für den Arzt einen durchaus befremdenden Anblick; nie hat sie aber so kann ich versichern, irgendeine kranke Vorstellung gehabt, nie eine abnorme Willensäusserung gezeigt, und wenn die auffallende Sorglosigkeit über ihren wirklich traurigen Zustand mehr aus ihrem phlegmatischen Temperamente hervorzugehen schien, so war die Hastigkeit ihrer Sprache. die unstäte Haltung ihres Oberkörpers und der Hände, die Neigung bloss und leicht angzogen zu gehen, lediglich wohl Symptom ihrer Herzkrankheit.
Auf mehrmal wiederholtes, alle acht Tage angestelltes Ansetzen mehrerer Blutegel ad mammas und den Gebrauch des Adelheidsbrunnens ging nun zum erstenmale (vorher war nur Lapis infernalis dreimal täglich 1/4 Gran, gegen vermuthete Hypertrophie des Herzens und gegen die Hypertrophie in dem Drüsensystem, mit gutem Erfolge gegeben worden) eine reele Besserung hervor, die Katamenien zeigten sich wieder, die Lienterie verschwand, die Kranke war nicht mehr hastig, sprach auffallend ruhiger, auch der Exophthalmus verminderte sich.
Im Herbst 1837 trat aber Menostasie und der frühere elende Zustand wieder ein, wiederum half ein vierwöchiger Gebrauch des Heilbrunnens von Heilbronn, worauf in einem noch höheren Grade Besserung erfolgte. Im Winter 1837 wurde Madame F. von einem epidemisch herrschenden gastrisch-nervösen Fieber ergriffen, überstand dasselbe gegen meine Erwartung, versank aber danach wieder in alle ihre frühern Calamitäten, und zum dritten Male bewährte sich nun der bei ihr als ein Wunderquell wirkende Adelheidsbrunnen, welchen sie acht Wochen hindurch fortgebrauchte und dessen Heilkräfte sie jedesmal schon nach der dritten und vierten Flasche verspürte. Eine rechte leidlich relative Gesundheit hat sich bei Madame F. wieder eingefunden, noch jetzt ist sie regelmässig menstruirt, die Schenkelgeschwulst und die Struma sind zum grössten Theil geschwunden, die Schweisse haben ganz nachgelassen, Oberkörper, Hals, Brust und Arme sind stattlich ernährt und voll, der Leib ist noch zu dick,Verdauung normal, nicht so der Kreislauf, da der Puls immer noch frequent und klein, der Herzschlag immer noch verbreitet hörbar ist, trotz dem aber jetzt bei Treppensteigen und Promenaden kaum Beklemmung und Athemmangel geklagt werden. Der Exophthalmus ist aber nur wenig gemindert und musste während der letzten Verschlimmerung öfters eine Taraxis bekämpft werden, welche durch Verhinderung des Abkühlungsprocesses der Augäpfel verursacht wurde, immer noch sind die Gebilde des Bulbus normal geblieben, ist der Visus nicht beeinträchtigt.
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Herr M., jetzt 50 Jahre alt, kleine Figur, war als Kind rachitisch , lernte erst spät laufen, stotterte, litt als Knabe viel an Angina tonsillaris, als Jüngling an Pollutionen, war später immer blassen Ansehens, mager, aber dennoch gliederkräftig.
Als Materialist hatte er Geschäfte, die mit häufigen nächtlichen Reisen über die nahe Grenze und zurück, mit Aufwand körperlicher Anstrengungen, und weil dabei immer viel auf dem Spiele stand, mit nicht wenig Herzensbeängstigungen verbunden waren. In diesen Geschäften erlitt er grosse Verluste, welche den erwerbslustigen Mann immer leidenschaftlicher machten.
1832 erkrankte Herr M. ernstlich an einem Brechdurchfalle, will darnach nicht wieder gesund geworden sein, sondern seitdem viel an allgemeiner Hitze des Blutes, starken Schweissen und anfangenden Brustbeklemmungen gelitten haben, wobei er sicch leidenschaftlich gern der kalten Zugluft aussetze und eine angenehme Abkühlung darin fand, die Brustbekleidung gegen kalten Regen , Wind und Schneegestöber zu öffnen und sich Brust und Leib mit ganz kaltem Wasser zu waschen. 1835 wurde ich mit dem Patienten bekannt und glaubte in seinem Zustand eine chronische Carditis oder Aortits zu erkennen, er hatte einen metallplattenartig klingenden starken Herzschlag, das zweite Geräusch war von einem Sausen gefolgt, der Puls unordentlich, in den Carotiden war Sägegeräusch hör- und fühlbar, er hatte ein bleiches buffiges (?) Antlitz, hervorgetriebene Augen, ein heftiges hastiges Benehmen und dergleichen Sprache, die SChilddrüse war angeschwollen, de Leib voll, der Körper etwas abgemagert, drei bis viermal täglich eine unverdaute Leibesöffnung, trotz dessen aber ein reger Appetit. Aderlässe, Blutegel ad anum, Digitalis, Aqua Amygdalarum, Elixir acid.Halleri, äussere Ableitungen wurden ohne bleibenden Erfolg gebraucht, das Jod nur äusserlich am Halse, an den Schläfen und Augenbrauen Calomel eingerieben. Der Puls wurde nach Verlauf weniger Monat immer irregulärer, machte bald grosse, bald kleine bald beschleunigte, bald retardirte schläge, fing an auszusetzen, die allgemeine Hitze des Körpers, die Neigung zu Schweissen und die Beängstigungen der Brust wurden in mancher Nacht sehr gross, Patient sschlief,nun, da die Augen immer mehr hervorgetreten waren, ganz mit offenen Augen, die bulbi waren aber, wie in den vorigen Fällen, in jeder Beziehung an sich gesund, fühlten sich gespannt an, standen normal, das Sehvermögen hatte nicht die eringste Störung erlitten, nur bei hellem Tage und in der Luft litt Patient an Thränenläufen und es musste jetzt schon öfters eine geringe Taraxis bekämpft werden. Trotzdessen war Herr M., sobald er sich nur etwas erleichtert fühlte, nicht dahin zu bestimmen, seiner so leidenden Gesundheit zu gefallen zu leben, ass und trank nach Appetit, machte in der schlechtesten Witterung Reisen im offenen Wagen und zog sich so auf seinem rechten, am weitesten hervorgetriebenen Auge eine rheumatische Corneitis zu.Auch die Conjunctiva schwoll bald, so weit sie nicht von den auseinandergetriebenen Lidern bedeckt werden konnte, sarcomatös an, endlich nahm auch die Iris an der Entzündung Theil, zeigte sich ein Abscess in den Lamellen der Cornea, der sich nach innen entleerte, und peinigten jetzt die wüthendsten, der Ophthalmia interna eigenthümlichen Kopfschmerzen den armen Kranken unsäglich.Mehrmals wurde,als schon Ausschwitzungen in der Pupille das Auge erblindet hatten, die Punction der Cornea gemacht,Calomel mit Opium,Senega in grossen Gaben gegeben, Ungt. Hydrarg. cinercum eingerieben,das Auge ging langsam aber unaufhaltsam verloren durch Verschwärung der Cornea und ach! wie viele Schmerzen hätte ich dem armen Kranken ersparen können, hätte ich statt der Punction die er erlaubte, einen Querschnitt durtch den gesamen Bulbus gemacht und denselben entleert, wozu der Kranke später nicht zu bewegen war.Noch jetzt schorft die Narbe der Cornea. Auch das linke Auge ging ein halbes Jahr darauf unter anderer ärztlicher Behandlung , nur rapidareren Verlauf machend, auf dieselbe Art verloren;beide Stumpfe ohne vordere Kammer stehen, wie die Krebsaugen gestielt,zwischen den ganz von einander getrieben Lidern weit hervor, auf beiden Augen schorft die Narbe der Cornea und ist die Conjunctiva, so weit sie nicht von den Lidern bedeckt ist, sarkomatös geschwollen; auf beiden Augen sieht man durch die Tension der Recti Längenfurchen von vorn nnach hinten verlaufen, die den Bulbus, wie die Stricke einen Waarenballen, in 4 Wülste theilen möchten, und entstehen Schmerzen jetzt nur oberflächlich durch das Trockenwerden der von den Cornea-Resten immer neu gebildeten Schorfe. Während dieser Zeit und bis jetzt ist nun auch das Allgemeinbefinden des Herrn M. vorzüglich durch eine gewöhnlich im Spätherbst auftretende sehr hartnäckige Lienterie, grössere Abmagerung, grössere Irregularität des Pulses und enormes Herzklopfen wechselweise stärker gestört worden. Die Schilddrüse schwillt dabei auch bis zur athembeschwerde, öfters auch die linke Mamma an , und ist letzere dann sehr empfindlich.Bei grosser Abmagerung zeigten sich der Leib dick und das Zellgewebe in den Kniekehlen und an den Waden, ohne Oedem des Fusses, steif angeschwollen. Nahm dann die Lienterie wieder ab, so half sich bei dem immer regen Appetite die Ernährung des Körpers bald wieder bis zu einer schwammigen fetten Corpulenz.
Madame C. behandelte ich einige Jahr vor ihrer Verheirathung an Chlorosis und sah dieselbe, schon Mutter zweier Kinder, längere Zeit nachher zufällig wieder.Sogleich waren mir ein, wenn auch nicht in einem so hohen Grade als in den vorigen Fällen stattfindendes Hervorgetriebensein der Augen mit Thränenträufeln, ebenso eine besondere Lebendigkeit und Hastigkeit in der Unterhaltung mit ihr, deren Temperament ich früher entschieden phlegmatisch gefunden hatte, auffällig.Nähere Erkundigungen auf Verwandtschaft mit dem vorigen Kranken einziehend, erfuhr ich denn auch, wie sie nach dem Entwöhnen des zweiten Kindes an Herzklopfen Brustbeängstigung und Neigung zu Schweissen gelitten,deshalb jetzt längere Zeit medizinirt habe.Auch Jod-Enschreibungen gebrauchte sie schon gegen eine recht vorgeschrittene Struma der Schilddrüse.Sie ist jetzt zum 3ten Mal Mutter geworden und soll sich schon während der Schwangerschaft ihr Zustand sehr gebessert haben.
Bevor ich nun zu der Andeutung der pathogenetischen Verhältnisse dieser , wie man mir zugegeben wird, unter sich ganz verwandten Fälle schreite, möchte ich mich allerdings vor dem Verdacht eines diagnostischen Irrthums, einer von mir begangenen Verwechslung dieses Exophthalmus mit Hydrophthalamus und Intumescenz der Glandula lacrimalis geschützt haben, zu welcher durch die gegeben Allgmeinleiden die Bedingungen auch reichlich gegeben sind. Geschülste der Thränendrüse haben aber bisher den Bulbus nie so hervorgetrieben, sondern seine Stellung immer nach unten und innen abgeändert, bewirkten immer eine vorzugsweise Ausdehnung des oberen Lides, durch welches schon im Vorschreitn des Exophthalmus die Drüse fühlbar wird, und war ein solcher Exophthalmus immer mit bedeutenden Schmerzen verbunden. Auf der anderen Seite steht hier der Annahme einer Hydrophthalamie die Integrität des Sehvermögens allein schon genügend entgeen, das bei geringer Ausbildung des Hydrophthalamos schon wesentlich alienirt und in dessen Fortbildung bald ganz aufgehoben wird; ebenso fehlen die Schmerzen hier, welche so quälende Begleiter der Hydrophthalamie jeder Art sind, ebenso fehlt die Alienirung des Normal-Verhältnisses der Durchmesser der Cornea, der Iris, des Winkels der Iris zur Cornea etc., auch möchte man immer leichter in den diagnostischen Irrthum vefallen, einen Exophthalmus für Hydrophthalamos zu haöten, da bei dem Hervortreten des Bulbus eine schienbare Vergrösserung desselben stattfindet, indem ein segment einer ungleich grösseren Kugel als ein solches die Hornhaut bildet, zwischen die Augenliderspalte tritt, eine optische Täuschung, von welcher man sich oft bei Exstirpation von in ihren Grössenverhältnissen noch unbekannten Thieraugen überzeugt, indem man den Bulbus gewöhnlcih viel grösser findet, als man vorher geglaubt hat.Auch die in unsern Fällen notirte durch anfühlen erkannte stärkere Spannung des Bulbus und die etwas vermehrte Wölbung gder Hornhaut begründen keinen Verdacht auf Hydrophthalamie, sie müssen bei Protrusion des bulbus durch Spannung der Augenmuskeln und verstärkten Zurückdruck der Lider nothwendigerweise erfolgen, können so leicht eine innere Fülle simulieren.
Wenn ich nun meine Ansicht über die nächste Ursache dieses Exophthalmus, dass dieses eine strumöse Hypertrophie des Zellgewebes hinter dem Bulbus seei, mit St. Yves : un amas d'humeurs, qui se font derrière le globe de l'oeil, schon obern ausgesprochen habe, so führe ich zur Vervollständigung derselben an, dass ich diese Hypertrophie als sekundäre Erscheinung einer erkrankten Circulation und einer fehlerhaften Crasis des BLutes betrachte, als eine Dyscrasie, die durch noch verborgene Scrophel darauf hinwiesen, sich in kranken Drüsen-Vegetationen und Zellgewebs- Anschoppungen ausspricht. Ich begründe diese Pathogenie nicht durch umständlichere Wiederholungen und berufe mich nur auf die in Paulis und meinen Fällen notirte frühere Scrophel, das erworbene Leiden des Herzens und der grossen Gefässe, den chlorotischen Teint, die Struma der Schilddrüse, auf die wahrscheinlich auch durch Drüsen-Hypertrophie vermittelte Bauchfülle, auf den Wechsel zwischen Abmagerung und schwammigen Vollwerden und die beobacheten eigenthümlichen strumösen Hypertrophien anderer Zellgewebspartien. Strumöse Hypertrophie des Zellgewebes? Ich halte diese Benennung für nicht unzulässig, und möchte sie auch auf andere Erscheinungen bei Brust- und Scrophel-Kranken anwenden.
So wurde 1821 in Weinholds Klinik zu Halle ein durchaus scrophulöses junges Mädchen mit Längeneinschnitten durch alle Augenlider und Exstirpation alles von hier aus erreichbaren schwammigen Zellgewebes operirt, welches die Lider aufbauchte, fest ineinander geschlossen hielt, und das Sehen verhinderte.Es war dies kranke Zellgewebe durchaus keine FOlge einer induirten rosenartigen Geschwulst, sondern rein ganz allmählig durch jenen plastischen Amas im Zellgewebe entstanden, wie er im Antlitz Scrophulöser gar nicht selten als Hypertrophie der Nase, der Oberlippe, des ganzen Gesichts ngetrofen wird, und habe dieses junge Mädchen als Frau des Instrumentenmacher R. mit einem bedeutenden Kropfe wieder hier angetroffen, und vor einigen Jahren an der, einer Herzkrankheit sekundären, Phthisis pulmonum sterben sehen.Schon länger habe ich noch ein junges Fräulein M. in Behandlung, welches seit 10 Jahren an grässlich stinkenden Athem, von Zeit zu Zeit an sehr copiösen eiterartigen und mit Blut gemischtem Auswurf, an einer Vomica leidet.Sie hat nich t allein an den Fingerkuppen die in der Phthisis pulmonum und Cyanosis eigenthümliche graue Wölbung der Nägel und Dicke der Phalangen in einem in der That affreusen Grade, sondern es spricht sich bei ihr dieselbe locale Hypertrophie des Zellgewebes in beiden Füssen bis zu der Wade hinauf aus, sie sind unförmig dick, steif, grau, natürlich ganz unschmerzhaft und zeigen keine Gruben auf Eindrucken.Ausserdem ist dieses junge Mädchen auffallend dick, schwammig genährt und relativ ganz gesund. Ganz dieselbe oben beschriebene eigenthümliche Geschwulst der Füsse findet sich, wenn auch nur noch in einem geringen Grade immer noch an den Füssen der Madame F. auch ihre fast eine Schwangerschaft simulierende Dickleibigkeit mag ich, der ich schon seit langer Zeit die Manual-Untersuchug und Percussion, so wie überhaupt jede physikalische Erkenntnis der Krankheiten der inneren Organe sehr hoch schätze und nie zu üben versäumte, nicht gut für etwas anderes als für eine Struma des Bauches halten. Sections-Berichte kann ich, trotz dessen,dass 2 dieser Kranken schon öfters mit einem Fuss im Grabe standen, nicht als evidente Beweise für die von mir angenommene nächste Ursache der Protrusio bulbi geben; auf jeden Fall scheint mir aber die auf obigem Umwege gegeben Pathogenie plausibler, als die Annahme einer unmittelbaren Fortpflanzung eines Leidens der grossen arteriellen oder venösen Gefässe durch die Carotiden oder Iugular-Venen bis zur GLandula thyreoidea und der Fossa orbitalis und ist auffallend genug das Wenige, was aus dem Erfolge der Behandlung der obigen Fälle zu enthehmen ist , auch geeignet, meine Ansicht zu unterstützen.nur das JOd schien im Falle No 1 und 2 diese Hypertrophien zu beschränken, im zweiten Falle sogar in seiner natürlichen Mixtur-Formel asls Adelheits-Quell,nicht nur dies alllein, sondern auch, wie dies mehrseitig anerkannt, die Atomie des Uterinal Gefässlebens zu heben und eine Secretion zu reguliren, deren Cessation den Complex der Symptome nothwendigerweise versclimmern musste. Ex juvantibus zu schliessen, ist auch die Verbesserung nicht zu übersehen,welche die Kranken 1 und 4 durch Schwangerschaft und Wochenbett erfuhren, eine Correction, welche man auch oft bei Individuen erfolgen sieht, die an chlorotischer Atem- und Blutschwäche, die an Scrophelsucht leiden. Ich reihe hier noch einen Fall an, der ein mehrseitiges pathologisches Interesse hat, der wie obige Exophthalamien auch darauf hinzeigt, wie aus primär beeinträchtigter Haematosis anomale Circulation und Deflexe der Reproductiou begründet werden. Im Jahre 1838, wo in Merseburgs nächster Umgegend die Klauen- und Maulseuche unter dem Hornvieh grassirte, in der Stadt selbst aber noch keine Erkrankungsfälle bekannt waren, erkrankten und starben hieselbst 4 mit Kuhmilch ernährte Säuglinge an Blausucht.2 derselben behandelte ich , bei beiden traten die Zufälle der Blausucht akut ohne Vorboten auf und war neben den übrigen Symptomen der Blausucht Blasegeräusch statt des Herzschlags wahrzunehmen.In beiden Fällen trat nach Anwendung einer örtlichen BLutentziehung auf der Herzgrube Besserung ein und zeigte sich die Nachblutung ganz pontakfarben und sehr dünnflüssig; durch eingeleitete verstärkte Leberabsonderungen schien die Decarbonisation des Blutes zur grossen Erleichterung befördert zu werden.Das eine Kind starb in einem Recidiv nach 14 Tagen an Lungenlähmung, das andere, leider mein eigenes Töchterchen, welches die sogleich verschaffte Ammenbrust, hier wohl da Hauptmittal, um eine schon innervirte- an Plasma reichere Nahrung zu geben durchaus verweigerte, zeigte nach dem beldigen Verschwinden der Blausucht zuerst eine marmorirte später gleichmässig Rose-Farbe über den ganzen Körper, schien sich dann gut zu nähren, bekam aber dabei ein ein lymphathisches Aussehen und einen, dem scarlatinösen ähnlichen,scharfen Nasenkatarrh.Darauf schwollen die lymphatischen Drüsen am Halse und zwar in einer Zeit von acht Tagen, einige bis zur Grösse von Kastanien an.Einige dieser Tuberkeln gingen in atonische Vereiterung, mehere in Erweichung über und die Kleine starb nach häufigem Auftreten der sehr beängstigenden Symptome des Asthma thymicum hydrocephalisch. Die Section zeigte das Herz ganz gesund und normal, jedoch in den Lungen, Leber , Milz und Mesenterium zahlreiche mitunter schon erweichte Tuberkeln von der Grösse der Zuckererbsen.
Carl Adolph von Basedow wurde am 28. März 1799 in Dessau geboren. Basedow besuchte das Dessauer Gymnasium und studierte in Halle Medizin. Nach Abschluss seiner Ausbildung ließ er sich 1822 als praktischer Arzt in Merseburg nieder. Er wurde 1848 zum Kreisphysikums in Merseburg bestellt. Im Jahre 1840 und in erweiterter Form 1848 beschrieb er als erster im deutschen Sprachgebiet unter dem Namen »Glotzaugenkachexie« auf Grund von vier eigenen Beobachtungen die Schilddrüsenüberfunktion. Diese Krankheit wurde nach seinem Namen 1858 »Basedowsche Krankheit« benannt, während die Symptome die Bezeichnung »Merseburger Trias« erhielten.
Merseburger Trias:
Carl von Basedow starb am 11. April 1854 55jährig als Opfer seines Berufs an einer septischen Infektion und wurde auf dem Merseburger Stadtfriedhof beigesetzt. Quelle : http://www.klinikum-merseburg.de/index1.htm
Literaturtipp:
Sanitätsrat Dr. Karl Adolf von Basedow (28.3.1799 - 14.4.1854). Kreisphysikus von Merseburg.